Wie entsteht, was Ihr lest

Ein Artikel erzählt eine bestimmte Geschichte – über einen Menschen, ein Geschehen, ein wichtiges Ereignis. Doch wie entsteht, was ihr lest? Welche Geschichte verbirgt sich hinter der Geschichte? Die “ad rem”-Autoren plaudern ab sofort aus dem Nähkästchen und erzählen, was in der eigentlichen Geschichte keinen Platz mehr fand oder was sich vielleicht beim Recherchieren der Geschichte zutrug …




Entstehungsgeschichte zur Körperkultseite in der „ad rem”-Ausgabe 15.2011 vom 8. Juni, Seite 12

Von Toni Klemm

Manchmal passieren ja total unerwartete Dinge. Vor zwei Wochen lese ich im Redaktionsplan, dass in zwei Wochen die nächste Sportseite fällig ist. Genug Zeit, eigentlich. Unpassenderweise war der „ad rem“-Sportchef, ich, gerade als Verantwortlicher auf einem internationalen Ringkampfturnier zu Gange. Zum Glück haben mein Kollege Matthias Schöne und ich für solche Situationen Plan A, B und C mehr oder weniger griffbereit in der Schublade. Matthias hatte schon vor einiger Zeit vorgeschlagen, eine Kletterreportage zu machen. Super, wird das also der Aufmacher, während ein Bericht über einen der Deutschen-Hochschulmeisterschafts-Erfolge, die die TU Dresden dieses Jahr erfreulich oft vermeldet, den Keller (dem unteren Teil der Seite) füllen sollte.

Dann der Rückschlag: So schnell geht das nicht mit der Reportage, Vorarbeit, Kontakte, Konzept sind nötig – was neues musste her. Nichts leichter als das. Inzwischen wieder unterwegs nach Dresden, um beim Kirchentag zu fotografieren, war meine spontane Idee, eine „Körperkult Gold“-Seite zu den Gold-Erfolgen der Dresdner und Zittauer Sportler bei den eben erwähnten Hochschulmeisterschaften. Den Zittauer Philip Dauster wollte ich unbedingt unterbringen: Gold im Marathon und endlich mal ein Nicht-TU-Dresden-Student. Dazu sollten sich drei TU-Damen, die Team-Gold im Straßenlauf nach Dresden holten, und die Fechter der TU Dresden, die ebenfalls Gold gewannen, gesellen.

Der nächste Rückschlag: Philip Dauster wurde nachträglich disqualifiziert und die vom Unisportzentrum der TU Dresden so gelobten Straßenlaufdamen waren das einzige Damenteam, das angetreten war. Klar, dass sie Gold nach Hause tragen würden! Die Krönung: Zwei der drei Mädels wussten, dass sie das einzige Damenteam waren. „Aber das musst du ja nicht dazu schreiben“, schlugen sie vor. Warum eigentlich nicht, für eine Glosse hätte es bestimmt gereicht. Aber wir sind ja nicht so. Zumindest beim Fechten lief alles nach Plan.

Mittwoch. Kirchendeutschland sah nach Dresden und zwei Drittel der Sportseite waren, naja, leer. Ein paar Ideen hatten wir noch in der Schublade: Tanz, Fußball, aber nichts konkretes vorbereitet. Über Dreispringerin Jenny Elbe wollte ich schon länger mal schreiben. Mit ihrem Freund, Hochspringer Raúl Spank, hatte ich vor einiger Zeit mal ein Interview geführt. Donnerstagmorgen (Himmelfahrt/Männertag) im Kirchentagsbüro: Halleluja, eine Zusage, mit Handynummer! Was kann es schöneres geben? Danach lief alles wie am Schnürchen: Freitag Interview- und Fototermin im sonnendurchfluteten TU-Bio-Neubau, am Wochenende verschriftlicht und gekürzt, Sonntagabend ab damit in die Redaktion.

Wenn turbulente Situationen nur immer so schön ausgehen würden, ich hätte gern mehr davon. Viel mehr.


Entstehungsgeschichte zum Artikel „Ein Teamsport mit Zeichensprache” in der „ad rem”-Ausgabe 12.2011 vom 18. Mai, Seite 5

Von Toni Klemm

Handy und Internet sind schön und gut, aber es ist ja immer wieder spannend, Informationen und Eindrücke „live“ zu bekommen. Sportarten vor Ort zu erleben und nicht via Youtube. Interviews am Spielfeldrand zu führen und nicht per Telefon oder E-Mail. Auch der „ad rem“-Sportredaktion fehlt dafür leider zu oft die Zeit oder die Flexibilität. Umso schöner ist es, dann doch mal buchstäblich mittendrin sein zu können.

So war es nun auch vor einigen Wochen, als ich den Unterwasserrugbyverein Torpedo Dresden beim Training besuchte. Ein gutes Dutzend Wassersportfreunde begrüßten mich an einem Dienstag, spät abends. Kräftiger Handschlag, lockere Stimmung. Ich saß gespannt am Beckenrand, als mir klar wurde: Ich bin immer noch nicht nah genug dran. Sehr skurril: Ein Sport, der schon vom Prinzip her keine Zuschauer anzieht, ja, sich geradezu vor ihnen versteckt, weil er komplett unter der aufgewühlten Wasseroberfläche stattfindet. Nun ja, so unterhielt ich mich mit den Spielern, die gerade nicht im Wasser waren, erfuhr, wie sich diese Verletzung von Nils Stiller ereignete (wird an dieser Stelle nicht verraten) und bastelte mir vorerst meinen eigenen Spielablauf zusammen.

Am Sonntag darauf war Bundesligaspieltag. Ich packte die Badehose ein, bekam vom Verein Schnorchel, Taucherbrille, Schwimmflossen und eine Unterwasserkamera und tauchte ab in den Einschwimmbereich des Beckens – und war wie in einer anderen Welt! Die Geschwindigkeit von Eishockey, aber ohne Gebrüll. Blitzschnelles hin und her, auf und ab, eine chaotische Choreographie! Vielleicht war man besorgt darüber, der Unterwasserreporter könnte beim Tauchen Wasser schlucken oder vor lauter Aufregung vergessen aufzutauchen und Luft zu holen, auf jeden Fall verpassten mir die Leute kurze Zeit später noch Atemgerät und Pressluftflasche und schickten den sprachlosen (aber taucherprobten) Reporter zurück auf den Beckengrund (siehe Foto rechts).

So viel Hilfsbereitschaft sieht man selten! Fast schon schade, dass der Artikel nur 50 Zeilen bekommen sollte. An dieser Stelle ein großer Dank an die Spieler und Verantwortlichen von Torpedo Dresden!


Entstehungsgeschichte zum Artikel „Dem Stress auf den Fersen” in der „ad rem”-Ausgabe 06.2011 vom 6. April, Seite 3

Von Jian Tan

Bevor ich den Artikel „Dem Stress auf den Fersen“ geschrieben habe, sah ich mich einmal hautnah mit dem Thema „Stress“ konfrontiert. Das war mir ein Erlebnis und hat mich dazu angeregt, mit dem Psychologen Christian Engelschalt über „Stress“ zu diskutieren. Es wird noch länger in meiner Erinnerung bleiben.

An einem schönen Sonntag saß ich in einem Zug von Dresden nach Prag. Plötzlich griff ich mit gehetztem Blick und zitternden Fingern in meine Hosentasche und dann in meine Brusttasche. Mit angehaltenem Atem in mein Inneres horchend, war ich erschreckt und hatte ein ungeheuerliches Gefühl: Was? Das kann ja nicht wahr sein – Ich bin ohne Gepäck abgefahren, völlig ohne Gepäck! Sehe ich alles richtig? Ja, in meiner Hosentasche steckte mein mageres Portemonnaie, in meiner Brusttasche nichts als meine fast immer mitzuschleppenden Papiere. Nicht mal einen kleinsten Laptop, nicht mal einen leeren Rucksack hatte ich mit. Ich war es ja nicht gewohnt. Mir war, als trüge solch ein Gepäckstück die Funktion der Kleidung: Hat man Gepäck mit, so ist es, als hätte man Kleidung an, die einen schützen und verbergen kann; hat man kein Gepäck mit, so ist es, als hätte man sich einfach entblößt und stünde nackt da.

Oh mein Gott! Habe ich mein Gepäck zu Hause stehen lassen? Habe ich es beim Einsteigen am Gleis vergessen? Habe ich überhaupt etwas für die Reise gepackt, sei es eine Tüte Brötchen oder eine Tafel Schokolade? Die innere Spannung stieg auf und ich konnte es immer noch nicht fassen. Wieso bin ich ohne Gepäck abgefahren? Ich hörte sogar mein Herz laut und rasch schlagen, worin das Blut glühte. Mein Kopf rauschte und tat mir unheimlich weh. Meine Hände schwitzten vor unsagbarer Angst und Anstrengung. Mehrmals durchstöberte ich all meine Taschen und schaute mich hastig nach irgendetwas Namenlosen um. Meine Denkfähigkeit krallte sich im so starken Stress zusammen, dass ich nicht mehr denken konnte. Es schien mir, als hätte ich wirklich den Verstand verloren. Wie konnte so etwas passieren?

Mir gegenüber saß eine ältere Dame, die ganz ruhig ein Buch las. Sie durchschaute mein inneres Zappeln und fragte mich, was los sei. „Ich bin ohne Gepäck abgefahren und weiß nicht, wo mein Gepäck ist …“, antwortete ich ganz nervös. Sie sah mich an und suchte mich mit einem sanften Blick ab. Eleganterweise ließ sie mich zuerst Blicke auf sie werfen: Sie trug eine Brille, hielt ein Buch in der Hand und … und sie hatte auch kein Gepäck! Überrascht sprach ich zu ihr: „Sie sind auch ohne Gepäck abgefahren?“ „Ja, endlich fahre ich mal weg, ohne etwas zu schleppen zu haben. Wissen Sie, wie schön das ist!“ erwiderte sie augenzwinkernd. „Aber völlig ohne Gepäck zu reisen, wie kann das sein?“ fragte ich. „Junger Mann,“ legte sie los, „die Menschen sind wohl in der Lage, sich selbst unbewusst unter Druck zu setzen. Warum leben sie so stressig? Weil sie alles haben wollen, was ihnen eigentlich gar nicht gehört und sie nicht unbedingt brauchen. Eine stressfreie Atmosphäre sollte man sich selber schaffen. Man kann das schaffen, wenn man weiß, was man will und haben kann. Das ist, so glaube ich, der Schlüssel zu einem glücklichen Leben, oder?“ Als sie das sprach, leuchtete ihr Gesicht rot und strahlte voller Zufriedenheit. Mir war, als hätten ihre Worte ein warmes Licht in mir entzündet, unter dem ich entspannt durchatmen konnte. Ja, ich bin jetzt mit nichts beladen gereist. Keine Lasten musste ich tragen. Ich fühlte mich dabei so frei wie noch nie …

Angekommen in Prag besuchte ich ein paar Freunde. Sie machten mir viele Geschenke. Auf der Rückfahrt nach Dresden hatte ich mehrere Tüten zu tragen. Da trug ich leichten Herzens diese Dinge und dachte, was der Sinn der ganzen Sache sei: vorhin hatte ich kein Gepäck, aber ich war so gestresst; jetzt hatte ich viel Gepäck, aber ich fühlte mich so frei und gelassen. Der Stress scheint ja ein Zauberer zu sein, der mit uns zu spielen weiß. Aber wie zauberhaft er auch sein mag, letzten Endes entscheiden nur wir, ob wir uns von ihm zum Mitspielen überreden lassen.


Entstehungsgeschichte zum Artikel „Heute ist Silvester” in der „ad rem”-Ausgabe 04.2011 vom 2. Februar, Seite 5

Von Jian Tan

Andere Länder, andere Kulturen. Lebt man zwischen zwei Kulturen, so ist es für einen anscheinend nicht so einfach, zu wissen, wo man hingehört. Aber genau das nicht einfach zu sein Scheinende macht das Leben wiederum vielfältig und lebenswert.


Ein altes Gedicht aus China lautet (frei von mir übersetzt):

„Allein in der Fremde bin ich ein fremder Gast;
Fallen gute Feste in der fernen Heimat,
so denke ich besonders meiner Familie,
die mich schon so lange nicht mehr gesehen hat!“

Ja, am Mittwoch war chinesisches Silvester. Dies ist immer die Zeit, in der ich besonders an meine Familie in der fernen Heimat denke. Am alten Mondkalender orientiert, feiert man in China zu Silvester gleichzeitig auch das Frühlingsfest. Mit der ganzen Familie werden dann zu Hause viele schöne Gerichte zubereitet und verzehrt. Das muss eine frohe Runde gewesen sein! Die Kinder werden mit vielen Spielsachen und in rote Umschläge verpackten Geldgeschenken beschert. Viele Wanderarbeiter kommen nach ganzjährigem Schuften in anderen Städten endlich nach Hause zurück. Sie vermissen die Familie auch schon lange und das Frühlingsfest ist für das ganze Jahr die fast einzige Chance, sie zu besuchen. Sie hoffen auf einen schönen Ausklang des Jahres und freuen sich auf das kommende Neujahr, das ihnen mehr Glück und Freude bereiten möge. Am Abend sitzt die ganze Familie um den Fernseher herum, um sich die Kultsendungen anzuschauen. Man plaudert fröhlich miteinander und genießt die harmonische Atmosphäre und das glückliche Beisammensein. Nach 23 Uhr hört man überall Feuerwerk abbrennen. Prächtiges Feuerwerk hält im Stadtzentrum sogar bis spät in den nächsten Morgen an …

Mir träumte, als wäre ich bei meiner Familie gewesen. Aber ich war nicht da. Ich hätte so gern mit ihnen gemeinsam gefeiert. Immer, wenn ich daran denke, bin ich sehr melancholisch gestimmt. Die Sehnsucht ist groß und ich werde sie nicht los …

Aber ich bin hier, wo ich doch sein will. Wo ich sein will, ist auch meine Heimat. In meiner Wahlheimat Dresden schreibe ich nun an meine Heimat in China – es ist auch das, was ich will. Durch das Schreiben verbinden sich meine zwei parallel existierenden Heimatorte. Deswegen bin ich sehr dankbar, dass mir die deutsche Sprache eine geistige Heimat gebildet hat. Sie ist wie ein unendlich weiter und breiter Himmel, an dem ich denkend schwebend, geistigen Wolken begegnen und mich frei bewegen kann. Welch’ ein Glück, dass ich sie gefunden habe!

Schön ist natürlich auch, wenn jemand anderes mit mir diese Gedanken und Gefühle teilen kann. Yunqian Wei, den ich seit zwei Jahren kenne, hat mir neulich seine Gefühle von der Heimat anvertraut. Wir sprachen über die Unterschiede zwischen den deutschen Mentalitäten und den chinesischen. „Wir sind anders, haben aber vieles gemeinsam. Wichtig ist, die Gemeinsamkeiten zu finden und die Andersartigkeiten zu respektieren“, sagte er. Ich stimmte zu und fragte ihn, was er zum chinesischen Frühlingsfest vorhabe. „Ich gedenke, mit deutschen behinderten Kindern das Fest zusammen zu feiern. Deutschland hat mich gelehrt und gebildet und ich will für die deutsche Gesellschaft auch etwas Gutes tun“, verriet er mir seinen Plan. Ich war gerührt und rief: „Yunqian, ich bin auch dabei!“

Für die „ad rem“ habe ich dann einen Artikel über Yunqian Wei geschrieben. Ich bin dankbar, dass die Chefredakteurin sofort zugesagt hat, ihn in die Ausgabe am 2.2.2011 reinzupacken, um das vor der Tür stehende Frühlingsfest gerade rechtzeitig empfangen zu können. Ich bin dankbar, dass Yunqian Wei mir seinen Plan verraten hat, sonst wäre das wichtigste Fest aus China hierzulande noch unbekannter geblieben. Ich bin gespannt auf die Feier mit den Kindern. Ich bin gespannt auf die weiteren schönen guten Dinge, die im Jahr des Hasen geschehen mögen. In diesem Sinne noch ein schönes chinesisches Jahr 2011!


Entstehungsgeschichte zum Artikel „Liebe geht durch die Musik”, in der „ad rem”-Ausgabe 02.2011 vom 19. Januar, Seite 10

Von Jian Tan

Die Zeit des Lebens ist wie ein Fluss und jeder Mensch ist wie ein kleines Boot. Der Lebensfluss fließt jeden Tag sanft und leise und der Mensch scheint darin nichts Besonderes zu sehen. Irgendwann wundert er sich, wie ihn das Leben überraschen kann, wenn sich zwei Boote wie zwei Menschen zufällig zur gleichen Zeit im Lebensfluss begegnen.

Auch ich wurde überrascht, obwohl der Lebensfluss jeden Tag ganz gewöhnlich fließt: Ich beginne meinen Tag immer mit einer Straßenbahnfahrt von der Neustadt an die Uni; ich steige immer an der gleichen Haltestelle ein; ich sitze immer ganz vorn in der Straßenbahn, wenn es dort einen Platz gibt; ich sehe immer gern die Menschen ein- und aussteigen; ich beobachte immer gern, wie die Menschen miteinander sprechen oder ganz still lesen …

Eines Tages sah ich ein Mädchen allein an der gleichen Haltestelle stehen. Sie wartete auch auf die gleiche Straßenbahn wie ich. Ich lächelte sie kurz an und sie merkte das und lächelte zurück. Als ich das sah, war mir, als wollte sie mich in ihrem Blick mit „Guten Morgen“ begrüßen. Als ich noch in ihrem Blick versank, kam schon die Straßenbahn. Wir stiegen gleichzeitig ein und saßen uns einfach gegenüber. Wir schwiegen und sahen und lächelten uns manchmal gegenseitig kurz an. So verging die Zeit schnell. An der Uni stiegen wir wieder gleichzeitig aus. Sie ging nach links und ich nach rechts.

Eine Woche später sah ich sie wieder an der gleichen Haltestelle auf die Bahn warten. Da dachte ich mir, das kann ja nicht wahr sein! Sehe ich falsch? Ist sie es? – Ja, sie war es! An ihrem Blick erkannte ich sie wieder. Dann dachte ich, soll ich sie vielleicht mal ansprechen? – Nein, ich kenne sie ja gar nicht. Zumal ich sie nicht mit meiner Neugier überrumpeln wollte. Deshalb lächelte ich ihr nur zu. Sie erwiderte es erneut. Wir stiegen gleichzeitig ein, saßen uns wieder gegenüber und stiegen wieder an der gleichen Haltestelle auf dem Campus aus. Sie ging dann wieder nach links und ich nach rechts.

Eine Woche verging wieder. Ich stand an der gleichen Haltestelle und wartete auf die Bahn. Da kam das Mädchen wieder. Nun konnte ich mich nicht mehr zurückhalten, fasste Mut und sprach sie endlich an: „Entschuldigung! Ich sehe dich heute zum dritten Mal hier an dieser Haltestelle.“ Sie war ein bisschen überrascht – hoffentlich dachte sie nicht, dass ich sie absichtlich verfolgte – und sagte nach kurzem Erinnern, das könnte ja sein, denn man sähe sich schon irgendwie in der Stadt. So kamen wir ins Gespräch. Sie studiert Philosophie an der TU Dresden. Als ich das erfuhr, begann ich mit ihr über Kant zu plaudern. Wir stiegen dann in die Bahn ein und saßen uns gegenüber. Während sich ein frohes Gespräch zwischen uns entspann, stieg ein anderes Mädchen zu. Sie saß neben mir und legte ihren Koffer, in dem sich sicherlich ein Musikinstrument verbarg, ab. Plötzlich erkannten sich sie und die Philosophiestudentin. Nun war ich ein bisschen überrascht. Ich fragte: „Studierst du vielleicht Musik?“ „Ja, an der Hochschule für Musik“, erwiderte sie. An diesem Satz erkannte ich etwas Amerikanisches, deshalb war ich noch neugieriger. „Wieso sprichst du Deutsch mit einem amerikanischen Akzent?“ „Ja, ich habe lange Zeit in Nashville, Tennessee, gelebt und dort Jazz-Songs gesungen.“ Als ich das Wort „Nashville“ hörte, fragte ich sofort, „Kennst du den John aus Nashville, der mein guter Kumpel ist und sehr gut Banjo spielt?“ „Ja, ich kenne ihn! Mit ihm habe ich so oft zusammen musiziert!“ Ich konnte das nicht fassen und fragte, „Was? Du kennst ihn? Unglaublich! Kennst du auch den Pavel aus Tschechien, der den John in Nashville mehrmals besucht hat?“ „Ja, ich kenne ihn auch! Er war auch da und ist solch ein lustiger Kerl!“ Gleich musste ich vor Überraschung und Freude fast wahnsinnig schreien – „Wahnsinn! Wenn ich damals mit Pavel zusammen den John in Nashville hätte besuchen können, so hätten wir uns dort sicherlich schon kennengelernt. Aber jetzt treffen wir uns einfach so in der Dresdner Straßenbahn. Wahnsinn!“

Ja, so ist das im Leben. Im Lebensfluss treffen sich zwei Menschen wie zwei Boote –  zufällig zur gleichen Zeit. Wenn sie sich treffen, dann können sie etwas daraus machen. Zum Beispiel habe ich mit der Musikerin sofort einen Termin fürs Interview ausgemacht und den Artikel über sie für die „ad rem“ geschrieben. Ist das alles Zufall oder Schicksal? Das weiß nur das Leben.


Entstehungsgeschichte des „Guten Unigeist” Valentina Neumann, in der „ad rem”-Ausgabe 33.2010 vom 15. Dezember, Seite 4

Von Jian Tan

Das Leben ist ja eine Aneinanderreihung von Zufällen. Zumindest ergeht es mir so.

Einen anstrengenden Freitag hatte ich gerade hinter mir. Kaum habe ich tief durchgeatmet, da bestürmte mich die Chefredakteurin mit Fragen, ob ich mir heute Abend was typisch Chinesisches kochen wollte, ob man generell in China auch Weihnachten feiert und was ich am Wochenende noch vor hatte? Na klar, ich koche schon chinesisch, aber so was Großartiges wie Peking-Ente, Shanghai-Huhn oder Kanton-Schlange kann ich leider nicht zaubern. Na ja, ob man in China auch Weihnachten feiert? Aus dem Stand heraus kann ich den neuesten Stand der Weihnachtsgeschäfte in China leider auch nicht genau beschreiben.

Die Chefredakteurin schien ein bisschen unzufrieden mit meinen vagen Antworten. Aber auf die Frage, was ich am Wochenende vor hatte, habe ich sehr konkret geantwortet. „Frau Neumann, die ich in der SLUB als Mitarbeiterin kennen gelernt habe, hat mich zu ihrem literarischen Abend eingeladen. Wir gedenken über Goethe, Rilke und Tolstoj zu sprechen“, sagte ich augenzwinkernd. Die Chefredakteurin schien plötzlich sehr interessiert und sprach, „Na dann, notiere, was ihr da diskutiert, schreibe später vielleicht daraus einen Text oder interviewe einfach mal die Frau Neumann und vor allem, genieße den Abend!“ „Jawoll, zu Befehl!“ erwidernd, sprang ich rasch aus der Redaktion heraus.

Am Samstagabend um 19 Uhr stand ich vor dem Haus von Frau Neumann. Nachdem ich an der Tür geklingelt hatte, kam Herr Neumann runter und holte mich rauf. Sehr freundlicher Empfang. Als ich in die Wohnung eintrat, war ich total begeistert. Mir war, als befände ich mich in einer herrlichen Kunsthalle: Ölmalerei von Romantik bis Expressionismus, Fotographien von verschiedenen Künstlern, Möbel voller Eleganz.

Frau Neumann hatte bereits einen Schmaus aufgetischt: Karnickel mit Kartoffelbrei. Köstlich! Weintrinken sei ein Muss, sagte Frau Neumann, denn „In vino veritas!“ Herr Neumann fügte hinzu, „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang!“ Da stimmte ich zu und sagte, „Nu nu!“

Da ist der wohltuende Abend natürlich fröhlich und glücklich verlaufen. Wir plauderten und sangen ein paar schöne Lieder. Uns schien, als wäre die Zeit unglaublich schnell vergangen. Nun war es 4 Uhr in der Nacht. Ich wollte nach Hause fahren, aber ich wusste, dass fast keine Bahn zu dieser Zeit noch fuhr. Herr Neumann wollte mich mit dem Auto fahren. Aber das wäre unmöglich gewesen, weil er gerade auch nicht wenig getrunken hatte. Da meinte ich, ich könnte ja laufen und es wäre für mich auch sehr schön, allein die nächtliche Landschaft spazierend zu genießen. Kaum habe ich mich von dem süßen, blau gewordenen Pärchen verabschiedet, da ist mir eingefallen, dass ich die Frau Neumann doch noch interviewen sollte. Ich äußerte ihr schnell meine Intention und sie sagte sofort zu. Verrückt, oder? Gegen 5 Uhr haben wir das Interview beendet. Witzig war, dass wir wahrscheinlich durch die interviewende Konzentration doch die Müdigkeitsphase überstanden hatten und waren wieder sehr munter und nüchtern. Schlafen konnten wir jetzt sowieso nicht mehr. Endlich war es so weit – mit einem herzlichen „Guten Morgen“ verließ ich ihr Haus. Danach bin ich im Schnee laufend versunken und irgendwann zu Hause gelandet.

Jetzt denke ich, wenn mich die Chefredakteurin nicht zufälligerweise nach meinem Vorhaben am Wochenende gefragt hätte, so wäre der „gute Unigeist“ nicht gerade die Frau Neumann gewesen. Vielleicht irgendwann würde sie auch mal zufällig neu entdeckt, wer weiß?

2 Antworten to “Die Geschichte hinter der Geschichte”

  1. Toni Says:

    Rund um die Uhr für die ad rem auf Achse! Verrückt, verrückt :-)

  2. Anja Says:

    “Die Geschichte hinter der Geschichte” – eine sehr spannende Idee!

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