28. April 2010
„ad rem“ lud Experten und fragte per Podiumsdiskussion nach der Zukunft der TU Dresden
Von Nicole Laube
Bekommt die TU Dresden als Exzellenzuni einen Platz an der deutschen Hochschulspitze, oder wird sie vorher vom sächsischen Finanzloch verschluckt?
Die gute Nachricht zuerst: Um den sächsischen Haushalt ist es gar nicht so schlecht bestellt, wie den Bürgern gemeinhin berichtet wird. Das stellte die ehemalige Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) bei der Podiumsdiskussion „Exzellenz oder Mittelmaß – Die TU Dresden im Jahr der Entscheidung“ in der vergangenen Woche klar. Das große Jammern erscheine ihr manchmal fast als vorbeugende Totschlagtaktik für kluge Investitionen in die Zukunft, sagte Stange den Gästen sinngemäß, die im Vortragssaal der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek den Argumentationen von fünf Experten aus Uni und Politik lauschten. Stange plädierte dafür, den demographischen Wandel zu nutzen. Schon im kommenden Wintersemester werden 40 Prozent weniger Abiturienten an die Hochschulen gehen als jetzt.
Durchhalten ist jetzt die Devise
Noch könne sich das niemand vorstellen, sagte Stange, aber wenn es jetzt gelinge durchzuhalten und die Gelder für Sachsens Hochschulen nicht herunterzusetzen, reguliere sich der Druck bald von selbst. Neben Stange hatte die Hochschulzeitung „ad rem“ zusammen mit dem Förderverein der Philosophischen Fakultät PROPHIL und der StudentenStiftung Dresden auch den Noch-Rektor der TU Dresden, Prof. Hermann Kokenge, Prof. Ursula Schaefer, den Geschäftsführer des Studentenrates (StuRa) der TU, Steven Seiffert, und Dr. Ronald Werner, Abteilungsleiter Hochschulen im SMWK, auf das Podium geladen.
Während Geisteswissenschaftlerin Schaefer in der fast dreistündigen Diskussion vor allem auf die Defizite der Dresdner Lehramtsausbildung und die vor morbidem Charme strahlenden Räumlichkeiten ihrer Fakultät auf der Zeunerstraße aufmerksam machte, warb Rektor Kokenge einmal mehr für Exzellenz. Schließlich dränge die Zeit, denn ob es eine weitere Exzellenzrunde geben werde, stehe in den Sternen, sagte der Rektor.
Seine Forderung nach idealen Betreuungsverhältnissen in der Lehre kam zudem fast schon utopisch daher. Die Prioritäten der TU Dresden müssten auf der Lehre liegen. Die Abbrecherquoten seien ein Riesenproblem, Brückenkurse zu Studienbeginn müssten ausgebaut und die Studenten in den ersten Studienjahren individueller gefördert werden. Das sei allerdings nur erreichbar mit besseren Betreuungsverhältnissen, sprich: Mehr Lehrpersonal. „Wir sind am Limit“, schloss der Rektor sein mahnendes Plädoyer gegen Stellenabbau und weitere Kürzungen.
Fehlende Vision für die Hochschulzukunft
So wurde deutlicher denn je, dass die Zukunftsplanung ohne eine verbindliche Linie seitens des Wissenschaftsministeriums – beispielsweise durch eine Vereinbarung zwischen Land und Hochschulen – äußerst schwierig werde. Diese, an den Vertreter des Ministeriums gewandte Kritik, blieb leider ohne Antwort.
Anstatt konstruktiv zu diskutieren, verwirrte sich Dr. Werner eher im nebulösen Lamentieren. Einen Hinweis auf eine mögliche Vision des Landes in Sachen Hochschulen blieb er schuldig. Souveräner vertrat dagegen Steven Seiffert vom StuRa die Studentenschaft. Er scheute auch kritische Töne zur Exzellenzinitiative nicht, verpasste aber die Chance zu sagen, was die Studentenschaft ganz konkret von der Politik fordert. Zusammen mit den Gästen wurde später am Abend mehrfach das so genannte finanzielle Gießkannen- mit dem inhaltlichen Rasenmäherprinzip gegeneinander abgewogen. Bis schließlich im Plenum die viel sagende Frage aufkam: Was spricht denn eigentlich dagegen, gutes Mittelmaß anstatt halbe Exzellenz anzustreben? Was sei denn so schlimm daran, als gut aufgestellter Aufsteiger in der zweiten Liga zu spielen? „Ganz einfach“, sagte Stange, „das Spiel ist vorbei“. Es gilt jetzt, in der dritten und letzten Exzellenzrunde, zu punkten. Und da war es dann auch wieder: Das liebe Geld.
Zum Foto: Die Meinungen sind gespalten bei der „ad rem“-Podiumsdiskussion.
Foto: Amac Garbe
Noch mehr Hintergründe zur Exzellenziniative hört Ihr hier auf der Homepage des Campusradio
Debattensplitter.*
Auf das Argument des Ministeriumsvertreters Dr. Ronald Werner, die Hochschulen müssten attraktiver werden, entgegnete Prof. Ursula Schaefer mit einer Anekdote aus ihrem Alltag: Wenn sie mit Gästen auf dem Weg Richtung Institutsgebäude Zeunerstraße 1a–e unterwegs sei, sei sie oft geneigt, sie vor dem Anblick des Gebäudes zu warnen. „Es ist ein Unterschied, ob man in eine
r Stadtuni mit Gebäuden aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert lehrt oder in diesen Wellblechhütten“, sagte Schaefer.
Prof. Ursula Schaefer redete sich in Rage und mahnte, dass gute Lehre der Kern jeder Exzellenz sei. In der Hitze des Wortgefechts vertauschte sie die Wörter und wetterte gegen die „Intelligenzinitiative“.
Das elanvolle Statement der ehemaligen Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange für eine solide Ausfinanzierung der Hochschulen fasste Moderator, Journalist Michael Bartsch, mit den Worten zusammen: „War das etwa der Beitrag einer Ex-Wissenschaftsministerin, die sich für einen Rektor-Posten bewirbt?“
Aufgebracht sprach der Studentenratsvertreter, Law-in-Context-Student Steven Seiffert, über die aus seiner Sicht mangelhafte Kommunikation der Hochschulleitung im Rahmen der Exzellenzbewerbung. Seinen Appell richtete er an Rektor Kokenge, der allerdings blickte stur geradeaus und reagierte nicht.
„Exzellenz in der Forschung geht, salopp gesagt, über Köpfe“, redete Rektor Prof. Hermann Kokenge Klartext. Um dem Dilemma zu entgehen, schlug er ein auf Forschung basierendes Studium vor, denn die Exz
ellenzgelder des Bundes dürfen zwar nicht für Lehre an sich, wohl aber für „forschungsbasierte Lehre“ verwendet werden. Dieser Passus sei ein Hintertürchen, sagte Ex-Ministerin Dr. Eva-Maria Stange, der rege genutzt werden müsse.
Notizen: Franziska Lange
Fotos: Amac Garbe
* eine kleine Auswahl an Anekdoten, die der Podiumsdiskussion „Exzellenz oder Mittelmaß? – Die TU Dresden im Jahr der Entscheidung“ entsprangen
Achtung, Meinung.

Von Felix Prautzsch
Wahrlich: Exzellent war nicht alles, was der interessierte Teilnehmer an diesem Abend zu hören bekam. Wie Mittelmaß entsteht, das konnte dafür der Regierungsvertreter eindrucksvoll verständlich machen – indem man sich zu nichts Ganzem und nichts Halbem entscheiden kann. Wie das SMWK im „Jahr der Entscheidung“ damit bestehen will, blieb aber trotz hartnäckiger Nachfragen auch aus dem Publikum leider unklar.
Podiumsdiskussionen stehen ja ohnehin in der Gefahr, dass belanglose Einzelreden ausgetauscht werden und sich alle zum Schluss der seichten Harmonie freuen. Glücklicherweise hatten nicht alle der fünf sogenannten Experten dieses Ziel. Die Ex-Ministerin zumindest bewies, dass man sich der Bildungspolitik durchaus mit Leidenschaft und Sachverstand widmen kann.
Und auch die Vertreter der Wellblechhütten-Fakultät stachen mit Witz und Angriffslust heraus: Geistige Exzellenz aus den Favelas der TU?
Foto: Amac Garbe