Veröffentlicht am: 23. Mai 2012

Das Hochschulmärchen

13 Jahre nach Verabschiedung der Bologna-Reform gab’s in Rumänien eine Folgekonferenz

Von Anja Hilliger

Ende April ging in Bukarest die Bologna-Folgekonferenz zu Ende. Vertreter aus 47 Ländern waren dabei. Beschlossen wurde Altbekanntes. Die Realität bleibt jedoch auf der Strecke.

Es war einmal in Bukarest. Minister aus Nah und Fern kamen, um sich der Hochschulen anzunehmen. Ihre Absicht war gut, doch eine Hexe namens Wirklichkeit vereitelte alle Pläne. So oder so ähnlich könnte man die Geschichte über das Hochschulmärchen von Bologna zusammenfassen.

1999 wurde in der italienischen Universitätsstadt Bologna ein Hochschulreformprozess angestoßen. Dessen Ziele waren: international akzeptierte Abschlüsse schaffen, die Qualität von Studienangeboten verbessern, mehr Beschäftigungsfähigkeit vermitteln. 13 Jahre später kamen in Rumäniens Hauptstadt die Minister für Wissenschaft, Forschung und Ausbildung aus 47 europäischen Ländern zu einer Konferenz zusammen, um den Fortgang der Bologna-Reform zu verabreden. Die Minister bekräftigten ihr Vorhaben und wiederholten den Beschluss, europäische Hochschulen in ihrem Bemühen zu stärken, kreatives, innovatives und kritisches Denken zu vermitteln und Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen.

So weit, so gut, so unrealistisch. Anfang Mai erschien der Bericht „Hochschulen auf einen Blick“ des Statistischen Bundesamtes. Demnach hat Sachsen die schlechtesten Werte bei Studienberechtigung, Promotionsquote und Finanzausstattung der Universitäten in Deutschland – Probleme, die durch Bologna behoben werden sollten. „Mit der Umsetzung der Bologna-Reform gibt es in Sachsen – jedenfalls in einigen geisteswissenschaftlichen Fächern – weiterhin erhebliche Probleme. Aber die dringenden Finanzierungsprobleme der Hochschulen und der harte Sparkurs haben solche Fragen in den Hintergrund gedrängt“, stellt Professor Gerhard Besier, hochschulpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE im Sächsischen Landtag, fest. „Sachsens Hochschulen leisten eine sehr gute Arbeit unter ungünstigen Finanzierungsbedingungen. Besonders besorgniserregend ist die stetig steigende Zahl von befristeten und Teilzeit-Arbeitsverhältnissen und der Abbau unbefristeter Mitarbeiterstellen. Das hat vor allem Auswirkungen auf die Qualität und Kontinuität in der Lehre“, sagt Dr. Eva-Maria Stange, ehemalige sächsische Wissenschaftsministerin und stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag. Diese Verurteilung findet Marco Unger, Bundessprecher der Studenten in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und Mitglied im Studentenrat der TU Chemnitz, zu einfach: „Die mangelnde Personalausstattung der Hochschulen darf keine Ausrede für schlechte Studiengänge sein. Die Hochschulen sind trotzdem in der Pflicht, diese so zu gestalten, dass ein breites und vielfältiges Fächerspektrum vorhanden ist, aus dem gewählt werden kann.“

Mehr Studienabbrecher

Ein weiteres Ziel der Hochschulreform von Bologna, die Quote der Studienabbrüche zu senken, konnte nicht umgesetzt werden. Anfang Mai zeigte eine Studie von Bildungsforschern des Hochschul-Informations-Systems (HIS), dass deutschlandweit ein immer höherer Anteil an Studenten das Bachelorstudium abbricht. Laut HIS-Studie beendeten insgesamt 28 Prozent der Studienanfänger der Jahrgänge 2006/2007 ihr Bachelorstudium ohne Abschluss. Das ist im Vergleich zu den Studienanfängern 2004/2005 ein Anstieg um drei Prozent.

Das zweistufige Bachelor-Master-Studiensystem haben wir ebenso der Bologna-Reform zu verdanken, auch hier gibt es Probleme wie fehlende Masterplätze. An der Dresdner Uni geht man einen besonderen Weg, um diesen Problemen entgegenzuwirken. „An der TU Dresden sind die Studiengänge modularisiert worden, auch die Diplomstudiengänge. Die TU Dresden hält aber ganz bewusst am Diplom in den Ingenieurwissenschaften fest“, sagt Kim-Astrid Magister, die Pressesprecherin der TUD.

Die Studien- und Prüfungsorganisation an den Universitäten stellt einen weiteren Kritikpunkt an Bologna dar. „Diese müsste kompetenzorientiert sein und nicht auf Bulimielernen – sprich reinfuttern, ausspucken, vergessen – ausgerichtet sein. Prüfungsformen, die geballt am Semesterende zu Dutzenden Prüfungen führen, treten noch viel zu häufig auf“, sagt Marco Unger. Nicole Gohlke, hochschulpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE, bestätigt das: „Entgegen vollmundiger Versprechen von gestiegener Mobilität und Qualität haben Verschulung, ein viel zu hoher Arbeitsaufwand und ein enormer Prüfungsdruck an den Hochschulen Einzug gehalten.“

Neben offenen Fragen gibt’s aber auch Positives: Die Mobilität der Studenten ist in den vergangenen Jahren offenbar angestiegen. „Im Förderranking des DAAD liegen mit der TU Dresden und der Universität Leipzig zwei sächsische Hochschulen unter den Top 10 der Mobilitätsförderung“, erklärt Aline Fiedler, Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft und Hochschule im Sächsischen Landtag. Doch Marco Unger reicht das nicht. „Wenn die Politiker so etwas wie Bologna beschließen, müssen sie auch dafür Sorge tragen, dass die ochschulen so ausgestattet sind, dass weder die Studierenden noch die Mitarbeiter der Hochschulen darunter zu leiden haben.“

Netzinfos: www.kurzlink.de/HochschulenimBlick; www.kurzlink.de/HIS-Studie

Zum Foto: Da reicht auch aller Kaffee nicht mehr: Dank Bologna-Reform und dem damit verbundenen Arbeitsaufwand und Prüfungsdruck verbringen Studenten viel Zeit in der Bibliothek.
Foto: Toni Klemm



Veröffentlicht am: 1. Juni 2011

Kein Grund zur Reformsorge

Die zweite nationale Bologna-Konferenz meldet Positives für Deutschlands Studenten – und erntet Kritik dafür

Von Sabine Schmidt-Peter

Bundesbildungsministerin Annette Schavan macht Bachelorstudenten auf der zweiten nationalen Bologna-Konferenz Mut und attestiert eine gute Mobilität.

Gemeinsam die aktuellen Herausforderungen bei der Umsetzung der Hochschulreform zu diskutieren, war das Ziel der zweiten Nationalen Bologna-Konferenz Anfang Mai. Vor Vertretern von Ländern, Hochschulen, Studierenden und Wirtschaft verkündete die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), dass die Sorge, es könnte nicht genügend Masterplätze geben, unbegründet sei. Die Länder hätten Zahlen vorgelegt, die daraufhin deuten würden, dass es – wenn die Studierenden flexibel seien – bundesweit kein Mangel an Masterplätzen gäbe. Außerdem hätten Bachelorabsolventen, einer aktuellen Studie zufolge, inzwischen gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Diskutiert wurde auch über die Mobilität und Internationalität des Studiums. Ein Wechsel ins Ausland sei, so die Bildungsministerin, durch die Bologna-Reform einfacher geworden. Ihr Fazit daher: Der Bologna-Prozess bringe große Chancen für die Studierenden und die Hochschulen mit sich. Schavans Euphorie teilen die Studierenden allerdings nicht: „Aus meiner Sicht hat die Konferenz wenig Konkretes gebracht“, zeigt sich Michael Moschke, Sprecher der Konferenz Sächsischer Studierendenschaften kritisch.

Klar geworden ist seiner Meinung nach nur eines: „Es wird nicht mehr Geld für Masterplätze geben. Stattdessen sollen die Studierenden flexibler werden und eben umziehen, wenn zu Hause die Masterplätze nicht reichen.“

Moschke zufolge werde damit die Tatsache, dass es eine ganze Reihe von Studierenden gibt, die wegen einer Familie oder einer Beeinträchtigung nicht einfach umziehen könnten, vollkommen außer Acht gelassen. Der Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs) kritisiert das Fehlen neuer Ideen zur Verbesserung der Mobilität: „Es wurde zwar angeregt, dass in Zukunft die Hochschulen nachweisen sollen, warum sie die im Ausland erworbenen Studienleistungen nicht anerkennen wollen, allerdings hätte dies auf Grundlage der im Jahr 2007 ratifizierten Lissabon-Konvention schon längst geschehen sein müssen“, zeigt sich auch Florian Pranghe, Vorstandsmitglied des fzs wenig euphorisch.

Seitens des Deutschen Studentenwerks gibt es zwar Lob dafür, dass sich Bund und Länder für eine Umsetzung des Bologna-Prozesses verantwortlich fühlen und das Gespräch mit den Studierenden suchen. Dem Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde fehlt in der ganzen Debatte um Bologna jedoch die soziale Dimension.

„Die Studierenden brauchen nicht nur vernünftig gemachte Bachelor- und Masterstudiengänge, sondern auch mehr studienbegleitende Beratung, eine solide Studienfinanzierung und deutlich mehr Mobilität im Bachelorstudium“, erklärt Meyerauf der Heyde. Er fordert, diese Themen auf die Agenda der nächsten Konferenz zu setzen.

Zur Karikatur: Auf der Karte las sich alles noch vorzüglich …
Karikatur: Norbert Scholz


Veröffentlicht am: 8. Dezember 2010

Langsames Gesundschrumpfen

Geniale Lösung zur besseren Betreuung: künftig weniger Personal- als Studentenschwund

Von Matthias Meyer

Die Regelstudienzeit war schon vor Bologna eine Chimäre und dient hauptsächlich zur Begrenzung des BAföG-Bezuges.

Zumindest für eine Dreiviertelmehrheit unter den Absolventen an Sachsens Hochschulen. Wir erinnern uns: Laut der ersten landesweit vergleichenden Absolventenstudie schaffte von den Abschlussjahrgängen 2006 und 2007 in Sachsen nur ein Viertel sein Studium in der Regelstudienzeit, der Rest brauchte länger. Die Absolventen mit Einhaltung der Regelstudienzeit variieren, Mittweida (43 Prozent) ist vorne, Freiberg (9 Prozent) hinten, die TU Dresden (28 Prozent) dazwischen. Am schnellsten sind Mediziner (48 Prozent), am langsamsten die Sprach- und Kulturwissenschaftler, Sportler und Künstler (je 18 Prozent).

Geisterzug versus Fachkräftemangel

Einen „Maßnahmenmix zur Lösung dieses Problems“ sieht das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) auf Nachfrage von „ad rem“ als geeignet an: Zum einen sind die einzelnen Studiengänge immer wieder auf ihre „Studierbarkeit“ hin zu überprüfen, kündigt SMWK-Sprecher Karltheodor Huttner an.

Die teilweise zu beobachtende Überfrachtung – insbesondere von Modulen der Bachelorstudiengänge – mit einer (zu) großen Stofffülle und vor allem zu vielen Prüfungen sei zu ändern. Zum anderen seien sowohl die Betreuungsrelationen zu verbessern als auch die hochschuldidaktischen Bemühungen zu intensivieren.

Dabei, so Huttner, könne die Verbesserung der Betreuungsrelationen nur durch den „moderaten Personalabbau der nächsten zehn Jahre“ in Verbindung mit den demografiebedingt sinkenden Studierendenzahlen erreicht werden. Wie es hingegen weitergeht, also wann und wie diese erste Pilotstudie eine Fortsetzung erfährt, ist noch nicht abzusehen: „Eine weitere Absolventenstudie ist vorgesehen. Einzelheiten dazu sind allerdings noch nicht festgelegt“, heißt es aus dem Ministerium. Fest steht auch, dass die Folgeforschung beim Sächsischen Kompetenzzentrum für Bildungs- und Hochschulplanung (KfBH) angesiedelt werden wird, denn Vorstellungen „zu einer weiteren ‚Zentralisierung‘ der nachgefragten Kompetenzen existieren derzeit im SMWK nicht“, betont Huttner.

Dana Frohwieser, die die Studie am KfBH betreute, hält das Forschungsinstrument der Pilotstudie für ausgereift genug. Dennoch würde sie gern parallel dazu die Befragungen zu einem späteren Zeitpunkt im Berufsleben wiederholen. „Die deutschen Hochschulen stecken bei ihrer Absolventenarbeit noch in den Kinderschuhen“, sagt die 34-Jährige und fordert diese auf, den Kontakt zu ihren Studenten im eigenen Sinne besser zu zu pflegen – vor allem zu ehemaligen ausländischen Studierenden, die sonst schlichtweg aus den Untersuchungen herausfielen. Auch SMWK-Sprecher Huttner sieht Verbesserungsmöglichkeiten bei den Alumni-Programmen, um „die Verbundenheit der Studenten zu ihrer „alten“ Hochschule durch geeignete Maßnahmen zu erhalten und zu fördern.“

Zur Kari: Wenn zukünftig Jede(r) nur 0,7 Kinder anmeldet, klappt auch der Betreuungsschlüssel!
Kari: Norbert Scholz


DIE ERSTE SÄCHSISCHE ABSOLVENTENSTUDIE IN FAKTEN.

  • Die erste sächsische Absolventenstudie wurde von zwei Dresdner TU-Professoren verantwortet: dem Erziehungswissenschaftler Andrä Wolter und dem Soziologen Karl Lenz.
  • Es wurden genau die Hälfte, also 12 300 Absolventen der beiden Abschlussjahrgänge 2006 und 2007, eingeladen, an der Befragung teilzunehmen, die am Sächsischen Kompetenzzentrum für Bildungs- und Hochschulplanung (KfBH) ausgewertet und aufbereitet wurde.
  • Erstaunliche 46 Prozent antworteten zwischen Oktober 2008 und Mai 2009 schriftlich oder online (vgl. „ad rem“ 23.2010 vom 6. Oktober, Seite 1 & 3).
  • Mehr dazu im Interview auf Seite 3 sowie in „ad rem“ 23.2010 vom 6. Oktober (Seite 1 & 4).



Veröffentlicht am: 20. Oktober 2010

Parteien eifern um Studentengunst

SPD und Grüne feilen an sächsischer Bologna-Umsetzung und Hochschulordnung

Von Tobias Hoeflich

Mehr Mobilität, mehr Flexibilität, mehr Rechtssicherheit: Mit diesen Schlagworten werben Sachsens Grüne und Sozialdemokraten für eine Verbesserung der Hochschulbedingungen.

So erarbeiteten die Sozialdemokraten einen Antrag zur Verbesserung von Studium und Lehre, die Grünen einen Gesetzesentwurf zur Novellierung des sächsischen Hochschulgesetzes. Dabei wird vor allem ein schrankenloser Zugang zum Master, eine Begrenzung an Prüfungen auf fünf pro Semester und die Einführung von Teilzeitstudiengängen gefordert. Ferner soll die Anrechnung von im Ausland erzielten Studienleistungen vereinfacht werden. „Ein Jahr nach den Studentenprotesten und den Beschlüssen der Kultusministerkonferenz hat sich an den Hochschulen viel zu wenig getan“, begründet Dr. Tobias Peter, Parlamentarischer Berater der Grünen, das Vorgehen.

In einer öffentlichen Anhörung im Landtag äußerten sich am vergangenen Montag Sachverständige und Hochschulvertreter im sächsischen Landtag zu den Forderungen. Zwar begrüßten die Anwesenden, dass die Politik sich um die Belange der Hochschulen bemühe, bemängelten mitunter aber den Inhalt der Anträge. „Einige Punkte müssen weiterentwickelt und konkretisiert werden“, meinte der Wissenschaftspublizist Dr. Johannes Balve. Ebenso sei es unmöglich, dass jene Forderungen ohne zusätzliche finanzielle Mittel umgesetzt werden können.

Prof. Hubertus Milke wies darauf hin, dass die Einführung von Teilzeitstudiengängen per Gesetz nicht möglich sei. „Das wäre ein Eingriff in die Autonomie der Hochschulen“, sagte der Rektor der HTWK Leipzig. Ferner kritisierte er die von den Grünen geforderte Begrenzung von Anwesenheitskontrollen. „Es wäre ein falsches Signal, dies gesetzlich zu regeln.“ Auch das Ansinnen von einer Maximalzahl an Prüfungen stieß teilweise auf Kritik. So erklärte Prof. Uwe Jahn von der Hochschule Mittweida, dass eine derartige Begrenzung auf fünf pro Semester „zu eng gestrickt“ wäre.

Während der Großteil der Hochschulvertreter den Bologna-Prozess insgesamt aber positiv bewertete, schlug Dr. Elisabeth Meyer-Renschhausen andere Töne an. „Ich bezweifle,dass mit solchen Gesetzesänderungen viel erreicht werden kann“, bemängelte die Privatdozentin der FU Berlin. Stattdessen sei eine grundsätzliche Diskussion um Bologna nötig. „Die Hochschulen haben sich die Reform einfach aufdrücken lassen“, fügte sie hinzu. Ständige Änderungen daran führten zu einer Erschöpfung in den Universitätsleitungen und zum Auswuchern der Bürokratie.

Kristian Onischka von der Konferenz Sächsischer Studierendenschaften bilanzierte indes, dass „Bologna in Sachsen noch längst nicht angekommen ist“. Nur in einem Punkt herrschte Einigkeit unter den Sachverständigen: Hochschulen und Universitäten sind chronisch unterfinanziert.

Zur Karikatur: Atemfrische Hochschulgesetze kommen von den Grünen.
Kariktatur: Norbert Scholz



Veröffentlicht am: 1. September 2010

Das Diplom kehrt zurück

Die TU Dresden führt neues Informatikdiplom ein und bietet nun 16 Diplomstudiengänge an

Von Antje Meier

Nach zehn Jahren Bolognaprozess, eingeführten Bachelor und Master und viel Protest merken die Hochschulen nun, dass die Diplomabschaffung nicht zwingend war – eine Modularisierung täte es auch.

Das Diplom bleibt. Schließlich wolle er seine Studenten vor fragwürdigen Experimenten mit ihrer Zukunft schützen, sagt Dekan Prof. Klaus Janschek. Seine Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik gehört zu jenen Fakultäten der TU Dresden, die sich entschieden haben, das Diplom weiterhin als Abschluss anzubieten. Allen bolognalen Forderungen zum Trotz – und die sind nicht so festgefahren, wie lange gedacht.

Denn der Bolognaprozess meint nicht zwingend die Abschaffung aller alten Studienabschlüsse. Eine Modularisierung der Studiengänge bis zum Wintersemester 2010 genüge, um europaweite Mobilität und Vergleichbarkeit zu garantieren. „In diesem Januar gab Staatsministerin Sabine von Schorlemer bekannt, dass das Studium mit Bachelor-, Master- oder Diplomabschlüssen durchgeführt werden kann“, erklärt Prof. Hartmut Rödel, Studiendekan für Maschinenbau.

Allein gegen alle

Wurden die Studiengänge bisher auf Bachelor und Master umgestellt, gehen nun 16 Studiengänge der TU Dresden einen anderen Weg und bieten weiterhin das Diplom als Abschluss an – jedoch in angepasster modularisierter Form. Die Gründe, beim Diplomabschluss zu bleiben, sind dabei meist dieselben: „Die Technik wird immer komplexer. Eine Ausbildung in sechs oder sieben Semestern Bachelorstudium reicht da nicht aus für einen Berufseinstieg im anspruchsvollen Tätigkeitsprofil eines Universitätsabsolventen“, sagt Studiendekan Rödel. „Außerdem spielten auch die heute noch laufenden Diskussionen um den Erhalt der Marke und des Akademischen Grades Dipl.-Ing. eine Rolle.“

Daher ist auch die Fakultät Informatik zum Diplom zurückgekehrt. Doch während die übrigen Fakultäten den Abschluss nie ganz abgeschafft hatten, führt sie es neugestaltet und modularisiert ein. Das alte Informatikdiplom wurde im Wintersemester 2009 durch den Bachelor ersetzt. „Es sind im Bachelor ein paar Sachen weggefallen, die uns im Diplom sehr gut gefallen haben, zum Beispiel ein Nebenfach“, erklärt Marcus Hähnel. Der Informatikstudent im achten Semester ist Mitglied des Fachschaftsrates Informatik, der die Wiedereinführung des Diploms mit vorantrieb.

Die Arbeit am Konzept für das neue Diplom begann bereits im Wintersemester 2008. Danach war Überzeugungsarbeit nötig. „Die Unileitung war skeptisch, schließlich schafften alle anderen das Diplom gerade ab“, denkt Hähnel zurück. Die Unileitung schien sich vor einer Außenseiterrolle zu fürchten. Doch Hähnel sieht im Diplom keine Ausgrenzung, sondern ein zusätzliches Angebot, das den Studenten Mehrwert bringe. „Wir haben nie gesagt, wir wollen keinen Bachelor, sondern eine Wahl für die Studenten.“

Das sieht der neue Rektor der TU Dresden, Prof. Hans Müller-Steinhagen anders. Mit ihm als Rektor hätte es wohl kein extra eingeführtes Informatikdiplom gegeben. Ihm geht es vor allem um den Erhalt der Marke Diplom. Deshalb plädiere er dafür, Masterabsolventen das Diplom zusätzlich zu verleihen, sagte er zu „ad rem“. Ein Nebeneinander von Bachelor-, Master- und neuem Diplomstudiengang sei hingegen nicht in seinem Sinn. Ein absolviertes Masterstudium garantiere Ingenieurwissen. Daher solle jeder, der erfolgreich fünf Jahre im Ingenieurwesen studiert habe, also Bachelor und Master absolviert habe, den Diplomtitel führen dürfen.

Neudiplomfakten.

  • Der Bolognaprozess soll zum Oktober 2010 umgesetzt werden. Das sächsische Hochschulgesetz sieht dabei nur eine Modularisierung der Studiengänge vor, nicht aber die zwanghafte Umstellung auf Bachelor und Master.
  • Bewerbungen für nicht-zulassungsbeschränkte Diplomstudiengänge an der TU Dresden sind bis zum 15. September möglich.
  • Im Rahmen des Bolognaprozesses wird bei Diplomabschlüssen ein Diploma Supplement mit ausgegeben. Dieses soll die Bewertung und Einstufung von akademischen Abschlüssen erleichtern und verbessern.
  • Die TU9 ist ein Zusammenschluss der neun führenden Technischen Universitäten Deutschlands, dazu gehört auch die TU Dresden. Ihre Forderungen im Bolognaprozess sind der Master als angestrebter Abschluss im Gegensatz zum Bachelor sowie die Vergabe des Titels Dipl.-Ing. für Masterabsolventen.

Zur Karikatur: Auferstanden aus der Abschaffung: Totgeglaubte leben länger …
Kariktatur: Norbert Scholz


Warum den Diplomstudiengang erhalten?

Interview mit Prof. Dr. techn. Klaus Janschek, Dekan der Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik

Es fragte nach: Antje Meier

Weshalb hat sich die Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik für die Fortführung des Diploms entschieden?

Die Antwort ist provozierend einfach: Wir wollen unsere Studenten vor fragwürdigen Experimenten mit ihrer Zukunft schützen und die Voraussetzungen für einen bestmöglichen Studienerfolg schaffen. Was verbirgt sich dahinter?

Die objektiven Erfahrungen zeigen, dass der Markt (Industrie, Forschung und Wissenschaft) zur Deckung des Innovationsbedarfs Vollingenieure mit einer bewährten fünfjährigen Ausbildung benötigt. Wer bezweifelt denn ernsthaft die bewiesene Qualität der deutschen Ingenieurausbildung anhand der jahrzehntelangen Erfolge der deutschen Industrie als Exportweltmeister mit hochwertigsten technischen Produkten?

Ein dreijähriger Bachelorabschluss ist bloß ein 3/5-Ingenieur und damit ist keine ausreichende Berufsqualifizierung gegeben. Ein durchgängiges fünf Jahre dauerndes Studium zum Vollingenieur ist wiederum prinzipiell kürzer als ein konsekutives Studium mit großer Zwischenprüfung (3 Jahre Bachelor) und anschließender Weiterqualifizierung (2 Jahre Master). Verzögerungen sind im Bachelor-Master-Modell vorprogrammiert, weil erst bei Vorliegen aller Bachelorleistungen ein Beginn des Masterstudiums möglich ist, d.h. „3+2 > 5“. Wir wollen unseren Studenten keine falschen Versprechungen machen, mit einem 3/5-Abschluss zukunftsfähig zu sein und für den Vollingenieur kürzer als bisher studieren zu müssen.

Da im Rahmen der aktuellen gesetzlichen Randbedingungen ein durchgängiges fünfjähriges Studium nur im Diplommodell umsetzbar ist, haben wir uns für die Beibehaltung des Diploms in den Studiengängen Elektrotechnik, Mechatronik und Informationssystemtechnik entschieden. Wir bieten unseren Studierenden damit ein modernes, breitgefächertes und forschungsorientiertes Studienkonzept auf bewährten Ingenieurpfeilern, allerdings mit neuen Bologna-konformen Inhalten unter dem Motto „Diplom Reloaded“.

Soll zukünftig auch das komplette Bachelor-/Master-System angeboten werden, anstatt nur eines Masters?

Wir sehen unsere Studienangebote als ein Komplettpaket für eine forschungs- und zukunftsorientierte Ausbildung mit unterschiedlichem Bildungshintergrund.

Den Grundpfeiler bietet das durchgängige fünfjährige Diplomstudium (Dipl.-Ing.) für Abiturienten. Hier konzentrieren wir unsere Maßnahmen der Qualitätssicherung auf die Betreuung unserer Studienanfänger mit dem Sonderprogramm „Geführter Studienbeginn“ und eine fachgerechte Anpassung an die europäische Hochschullandschaft mit wichtigen Bologna-Elementen: Studierbare Module mit Leistungspunkten, Industriefachpraktikum, Mobilitätsfenster für Auslandsstudium.

Bachelorabsolventen aus dem In- und Ausland bieten wir mit einem zweijährigen forschungsorientierten Masterstudium die Möglichkeit, an ein diplomäquivalentes Niveau herangeführt zu werden. Unser Programm „Strukturierte Promotion“ ermöglicht Absolventen mit Dipl.-Ing. oder Masterabschluss, eine zielorientierte, weiterführende wissenschaftliche Qualifikation zum „Dr.-Ing.“.

Für einen ohnehin nicht berufsqualifizierenden Bachelorabschluss sehen wir derzeit keine Notwendigkeit. Mit unserem Mobilitätsfenster bieten wir bewährte und vielfältige Studienmöglichkeiten im Ausland an. Die wenigen erwarteten Wechsler an andere Hochschulen werden aufgrund unserer durchgängigen Modularisierung und des durch zahlreiche externe Bewertungen anerkannten Ausbildungsniveaus keine Schwierigkeiten für die Anerkennung von Studienleistungen haben.

Sollte in technischen Studiengängen prinzipiell der Diplom-Studiengang wieder eingeführt werden, wie es derzeit die Informatiker tun?

In den meisten Ingenieurdisziplinen gelten die bereits oben ausgeführten Überlegungen zur Innovationsfähigkeit von Industrie und Wirtschaft. Insofern besteht hier ein allgemeiner Bedarf an Vollingenieuren mit einer fünfjährigen Ausbildung, d.h. entscheidend ist ein Ingenieurregelabschluss als Dipl.-Ing. nach bisherigem Zuschnitt bzw. mit einem Mastergrad. Inwieweit die Teilung des Studiums in zwei konsekutive Phasen für andere Fachrichtungen bzw. Hochschulen akzeptabel ist, muss individuell entschieden werden. Wir haben gute Gründe für eine durchgängige universitäre Ausbildung aufgeführt.

Zu diskutieren ist jedoch durchaus, inwieweit Bachelorabschlüsse in schon bisher sehr erfolgreich differenzierten und enger fokussierten technischen Ausbildungen an Fachhochschulen und Berufsakademien eine Berufsbefähigung für einfacher gestaltete Ingenieurstätigkeiten bieten. Da hat das letzte Wort die Industrie, wie überhaupt der Markt über die verschiedenen Ausbildungslinien entscheiden wird. Eines ist jedoch ganz gewiss: Unsere Zukunft wird nicht weniger herausfordernd sein als die vergangenen Jahrzehnte und zur Beantwortung der großen gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Fragen ist innovative Technik unabdingbar. Diese Technik wird komplexer sein, als alles bisher dagewesene und es möge jeder für sich selbst beantworten, welche Qualifikation man sich in diesem Kontext von Ingenieuren der Zukunft erwartet.

Interview mit Prof. Dr.-Ing. habil. Hartmut Rödel, Studiendekan der Fakultät Maschinenbau

Es fragte nach: Antje Meier

Ist es für die Zukunft geplant, in der Fakultät Maschinenwesen das Bachelor-Master-System einzuführen?

In den Jahren 2008/2009 haben wir uns für die Studiengänge Maschinenbau, Chemieingenieurwesen, Verfahrenstechnik und Werkstoffwissenschaft mit der Erarbeitung von Bachelor-Dokumenten in einem Modell 6 Semester Bachelor/4 Semester Master befasst, um dies für das Wintersemester 2010 im Jahrgang 2010 einzuführen. Dies findet so aber nicht statt.

Im Januar 2010 gab unsere Frau Staatsministerin Prof. Dr. Freifrau von Schorlemmer in einem Interview bekannt, dass das Studium mit Bachelor-, Master- oder Diplomabschlüssen durchgeführt werden kann. Eine Hochschullehrer-Vollversammlung der Fakultät beschloss einstimmig (bei Enthaltung der Studiendekane) in den ersten Februar-Tagen 2010 den Verbleib beim einzügigen Diplomstudium und Diplomabschluss.

Außerdem spielten auch die heute noch laufenden Diskussionen um den Erhalt der Marke und des Akademischen Grades Dipl.-Ing. eine Rolle.

Inhaltlich gibt es seitens der Hochschullehrer der Fakultät Maschinenwesen die geschlossene Meinung, dass ein Universitätsstudium in bewährter Weise einen Umfang von 10 Semestern haben muss. Die zunehmende Komplexität der Technik lässt nach unserer Überzeugung und Verantwortung keine Chance für eine Ausbildung in sechs oder sieben Semestern Bachelor-Studium zur Berufseinmündung im anspruchsvollen Tätigkeitsprofil eines Universitätsabsolventen.

Wie setzen Sie die bolognalen Forderungen zum Wintersemester 2010/11 an der Fakultät Maschinenwesen um?

Natürlich kennen wir die Forderungen des Bologna-Prozesses, darunter die Modularisierung. Aus der gesetzlichen Notwendigkeit zur Modularisierung ergab sich für die Fakultät Maschinenwesen die Aufgabe, bis zum Termin 10/2010 den Studiengang Chemieingenieurwesen zu modularisieren. Gleiches war für die Aufbaustudiengänge Maschinenbau und Verfahrenstechnik im Direkt- und Fernstudium notwendig. Hier laufen die akademischen Prozesse, z. Z. sind wir in der Stufe Senatskommission Lehre. Die Dokumente der anderen Studiengänge enthalten bereits die Modulstruktur. Damit sind alle Voraussetzungen gegeben, dass der Studienjahrgang 2010 nach rechtskonformen Dokumenten, die auch den Bologna-Forderungen entsprechen, studieren kann.

Eine weitere Forderung des Bologna-Prozesses, das Mobilitätsfenster, ist in unseren Dokumenten schon seit Jahrzehnten enthalten, das Ingenieurpraktikum im 7. Semester. Hier ist festzuhalten, dass es im vollen Ermessen des Studenten liegt, in dieser Zeit an internationalen Hochschulen zu studieren oder in internationalen Unternehmen zu praktizieren. Über das ERASMUS-Programm der EU erfolgt hier vielfältige Förderung, welches die Studierenden unserer Fakultät gern und zahlreich in Anspruch nehmen. Da ich die ERASMUS-Verträge auch unterschreiben muss, habe ich einen guten Einblick in diesen Prozess.


Veröffentlicht am: 26. Mai 2010

Nichts als heiße Luft

Chance vertan: Erste nationale Bologna-Konferenz endet ohne nennenswerte Ergebnisse

Von Tobias Hoeflich

Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) debattierte vergangene Woche mit Vertretern von Hochschulen und Studenten. Doch die Fronten bleiben verhärtet, erneute Streiks stehen bevor.

Hochschulrektoren zeigten sich nach dem von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) anberaumten Bologna-Gipfel ernüchtert, Studentenverbände sprachen gar von einer „inszenierten Show“: Die im Vorfeld geweckten Erwartungen des Zusammentreffens in Berlin wurden nicht erfüllt. Nach den deutschlandweiten Studentenprotesten im vergangenen Jahr stellte die Bildungsministerin eine Konferenz in Aussicht, um über Fehlentwicklungen der Bolognareform zu diskutieren. Die Ergebnisse wurden je nach politischer Couleur unterschiedlich bewertet.

Schavan verspricht in den kommenden zehn Jahren Investitionen von 2 Mrd. Euro für Personal, Mentoren- und Tutorenprogramme. Ebenso solle die Beratung und Betreuung signifikant verbessert werden. Von dem Gipfel gehe das Signal aus, gemeinsam etwas für eine bessere Lehre tun zu wollen, sagte Schavan über das neu beschlossene „Qualitätspaket“.

Lob und Zustimmung signalisierten im Anschluss christliche und liberale Studentenverbände, massive Kritik hagelte es dagegen aus dem linken politischen Lager. Hannelore Kraft, stellvertretende SPD-Vorsitzende, sprach von einer „Bildungsshow-Veranstaltung“, Vertreter des Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverbands (Die Linke.SDS) verließen vorzeitig die Konferenz. „Zentrale Themen wie Studienfinanzierung und Demokratisierung der Hochschulen wurden ausgespart“, erläuterte SDS-Vorstandsmitglied Ben Stotz im Anschluss deren Vorgehen. Auf Kernforderungen wie die eines freien Masterzugangs sei nicht eingegangen worden, mahnt der 27-Jährige.

Auch in Sachsen stieß der Gipfel auf geteiltes Echo: Simon Feldkamp, Sprecher des StudentInnenRates der Universität Leipzig, zeigte sich über die mäßigen Ergebnisse der Konferenz wenig überrascht. „Neben den Bildungsstreikvertretern und dem freiwilligen Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs) waren nur parteinahe Hochschulgruppen, aber keine legitimierten Landesvertretungen zugelassen“, kritisiert der 20-Jährige. Es sei daher absehbar gewesen, dass es zu keinerlei Zugeständnissen kommen würde. Prof. Dr. Günther Schneider (CDU), Vorsitzender des Ausschusses für Wissenschaft und Hochschule im Sächsischen Landtag, äußerte Verständnis für das Anliegen der Studenten, beklagte aber gleichzeitig, „dass bestimmte Gruppen scheinbar von vornherein wenig gesprächsbereit sind“. Während Schavan für das Jahr 2011 die nächste Bologna-Konferenz ankündigt, rufen Bildungsstreikaktivisten am 9. Juni zu neuerlichen, deutschlandweiten Kundgebungen auf. Unis und Hochschulen stehen damit womöglich vor einer neuen Welle von Streiks und Hörsaalbesetzungen.

Zur Kari: Zwei Milliarden Euro will Bildungsministerin Annette Schavan bald in die Hochschullehre pusten.
Was die Bundesregierung zur jüngsten Schavanblase sagen wird, ist ungewiss.
Kari: Norbert Scholz

BOLOGNAKONFERENZFAKTEN.

  • Ziel: Das Gespräch aller Reformbeteiligten miteinander, um den nach eindringlichem Studentenstreik eingesehenen Nachbesserungsbedarf des Bolognaprozesses zu diskutieren.
  • Wichtigstes Ergebnis: Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) verkündete ein neues „Qualitätspaket“. Zwei Milliarden Euro wolle der Bund dafür in den nächsten zehn Jahren für mehr Personal und bessere Betreuung ausgeben.
  • Kritik: Ob die Bundesregierung das Zwei-Milliarden-Euro-Versprechen halten kann, scheint unklar. Zunächst soll mit der „Akademie für Lehre“ eine neue Stiftung eingerichtet werden, bei der Professoren Fördergelder für besondere Lehrkonzepte beantragen. 90 Prozent des Geldes sollen vom Bund, der Rest von den Hochschulen getragen werden, sagt Schavan. Die Hochschulen seien nicht in der Lage, selbst Geld hinzuzufügen, widersprach Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz.



Veröffentlicht am: 21. April 2010

Scheitert Bologna am Geld?

Drei Milliarden Euro fehlen in Deutschland zur Umsetzung der Studienreform

Von Matthias Meyer

Eigentlich war 2010 das Jahr der Abrechnung mit oder von Bologna. Doch der Prozess ist chronisch unterfinanziert – rund drei Milliarden Euro fehlen in Deutschland zur Umsetzung.

Diesen Betrag nannte zumindest Peter A. Zervakis, Leiter vom Bologna-Zentrum der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), im Dresdner Landtag. Nach Untersuchungen seines Institutes erfordere die Umsetzung der europäischen Studienreform mit Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen rund 15 Prozent mehr an Lehrleistung. Allerdings, fügte der Experte hinzu, seien diese in keinem einzigen Landeshaushalt zu finden.

Paradoxien und juristische Inkompatibilität

Anlass seiner Analyse – und Indikator für die Langsamkeit der politischen Uhren – waren die Studentenproteste unter dem Namen „Bildungsstreik 2009“ – einige erinnern sich vielleicht noch. Anfang März diskutierten nun – auf Einladung der SPD-Fraktion im sächsischen Landtag – sechs Experten über herrschende Studienbedingungen und Problemfelder an sächsischen Hochschulen.

Sie attestierten dem Bolognaprozess, laut Plan anno 2010 im Endstadium, generelle Sinnhaftigkeit bei gravierenden Umsetzungsmängeln. Harte Kritik an den jüngsten Strukturvorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK) äußerte Prof. Ursula Schaefer, Sprachwissenschaftlerin an der TU Dresden und Mitglied einer Akkreditierungskommission. Diese enthielten, „gelinde gesagt, etliche Paradoxien“ und verwies auf „Inkompatibilität von deutschem Prüfungsrecht und den vorgeschlagenen studienbegleitenden Prüfungen“. Die TU Dresden sei jetzt schon von unzähligen juristischen Eingriffen gegen Bewertungen geplagt.

Ulrich Teichler, Gründer und Ex-Direktor vom Internationalen Zentrum für Hochschulforschung Kassel, kritisierte, dass die Zweistufigkeit dieses Systems überhaupt nicht ernst genommen werde. Es gebe keinen Anlass dafür, dass mit der Einführung des Credit-Point-Systems die Belastung der Studierenden steigen müsste. Einen langen Vortrag, inklusive aller Sündenfälle der jüngeren Bildungspolitik und reichlich bebeispielt, bot Kristian Onischka, Student an der TU Chemnitz, als Vertreter der Konferenz Sächsischer Studierendenschaften (KSS).

Zur Anhörung geladen hatte Holger Mann, seit Herbst 2009 Sprecher für Hochschule und Wissenschaft der SPD-Landtagsfraktion. Sechs Experten und rund 50 Gästen kamen und diskutierten über die Chancengerechtigkeit. Neben der Unaufmerksamkeit zugunsten der sozialen Dimension des Bologna-Prozesses und der Regelungswut durch Kultusministerkonferenz und Akkreditierungsrat prangert Mann in seinem Fazit vor allem das von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) geforderte „Leistungsstipendium“ an: „Die sächsische Hochschullandschaft leidet schon jetzt unter einer unterdurchschnittlichen Beteiligung der Wirtschaft an Forschungsinvestitionen. Es ist daher blauäugig anzunehmen, dass sie nun in der derzeitigen Lage jährlich mindestens 15 Millionen Euro für Stipendien zur Verfügung stellen würde.“ Das von Schavan geforderte Programm würde in Sachsen zum „Rohrkrepierer“, wettert Mann.

Keinerlei Stellenabbau und Master für alle

Auch beim BAföG muss aus seiner Sicht viel getan werden: Empfängerkreis größer, Freibetragsgrenzen höher, Regelsätze runter, Altersgrenzen hoch.

Der SPD-Antrag mit dem Titel „Gutes und gerechtes Studium in Sachsen“ soll noch im Sommersemester im Landtagsplenum aus Anlass der neu zu schließenden Hochschulvereinbarungen diskutiert werden. Im Antrag wird unter anderem gefordert, dass allen Bachelorabsolventen, die einen Master anstreben, der Zugang ermöglicht wird und dass keinerlei Stellenabbau an den sächsischen Hochschulen erfolgt. Außerdem soll das Programm zur „Verbesserung von Studienbedingungen“ ab 2011 fortgesetzt und sogar schrittweise von 24 auf 40 Millionen Euro pro Jahr ausgebaut werden.

Alles Sachen also, die Geld kosten – die schwarz-gelbe Antwort aus Land und Bund kann man sich denken. Aber zumindest eine lustige Landtagsdebatte und ein guter Tag zum Demonstrieren dürfte für die Studentenschaft herausspringen.

Zum Foto: Sparen bleibt angesagt: Dreihundert Milliarden Eurocent fehlen der HRK noch bis Bologna.
Foto: Amac Garbe

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 41 Followern an