Für Euch kritisiert

Ins Theater geht man nicht täglich. Umso ärgerlicher, wenn das Gähnen des Nachbars spannender als die Vorstellung auf der Bühne ist. Damit das nicht passiert, erfahrt ihr hier, was theatralisch empfehlenswert ist und was besser in der Puppenkiste bleibt.

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Wo Venus regiert

Foto: PR/Matthias CreutzigerVon Nicole Czerwinka

Händels „Orlando“ wird an der Semperoper Dresden unter Andreas Kriegenburg zu einem bildmächtigen Kampf zwischen Liebe und Krieg.

Die Liebe ist schon ein seltsames Ding. Da kommt der heldenhafte Kämpfer Orlando mit ihr in Berührung und will fortan jeden Kampf für seine angebetete Prinzessin Angelica aufgeben. Aber wie das Leben so spielt, lässt diese sich viel lieber mit dem Afrikaner Medoro ein. Und so nimmt in Händels Oper „Orlando“ der Kampf von Venus und Mars seinen Lauf, bis Orlando vor lauter Ärger fast dem Wahnsinn anheim fällt.

Was sich an dieser Stelle vielleicht wie ein aktionsreiches Barockopernspektakel anhört, entfaltet sich im ersten Aufzug tatsächlich zunächst eher gemächlich. In Andreas Kriegenburgs Inszenierung an der Dresdner Semperoper bleibt dennoch kaum Raum für Langeweile. Gekonnt rücken in dem einem Guckkasten ähnlichen, holzvertäfelten Bühnenzimmer (Bühnenbild: Harald Thor) zunächst in erster Linie die zehn Tänzer in den Vordergrund. Diese sind mal Soldaten, mal Bäume, bilden dann wieder ein Spinnennetz aus Beziehungsgeflechten (Choreografie: Zenta Haerter) und verleihen der Handlung so bis zum Schluss jene klare Bildhaftigkeit, die den Zauber dieser Aufführung nachhaltig prägt.

Und während die Inszenierung erst im zweiten Teil richtig in Fahrt kommt, bleiben zumindest tänzerisch und musikalisch von der Ouvertüre an keine Wünsche offen. Jonathan Darlington führt die Sächsische Staatskapelle Dresden mit sichtbarer Freude durch die vor Leichtigkeit sprühenden, ja sogar eingängigen, bisweilen aber auch dramatisch klingenden Partien der barocken Händel-Partitur. Christa Mayer gibt dabei einen brillanten Orlando, der unter anderem im zweiten Akt mit einer herzzerreißenden Koloratur-Arie überzeugt. Carolina Ullrich dagegen begeistert stimmlich als kraftvolle Angelica im roten Glitzerkleid, während Barbara Senator als energische, unglücklich in Orlando verliebte Schäferin Dorina verzaubert. Im Gedächtnis bleibt zudem der markante Bass Georg Zeppenfelds, der als Magier Zoroastro bis zum Ende irgendwie doch die Fäden in der Hand hält.

Trotz aller musikalischer Brillanz ist die Stärke dieser Inszenierung – für Opern eigentlich untypisch – aber dennoch in erster Linie die äußerst vielseitige und bilderreiche Tanzchoreografie. Diese rückt in ihrer Varianz, ihrem ganzen Ideenreichtum im Laufe des Stückes immer weiter aus der holzvertäfelten Zimmerkulisse heraus in den Vordergrund und trägt so ganz wesentlich zum schlussendlichen Gelingen dieser Darstellung des ewigen Kampfes von Venus mit Mars bei.

Semperoper Dresden: am 5., 17. & 24.2. sowie am 3.3., jeweils um 19 Uhr.

Zum Foto: Christa Mayer meistert ihre Orlando-Rolle bravourös.
Foto: PR/Matthias Creutziger


„Hamlet“ als Konzert

Hamlet, Foto: PR/Matthias HornVon Nicole Czerwinka

Nach dem „Zerbrochenen Krug“ inszeniert Regisseur Roger Vontobel nun auch einen beachtlichen „Hamlet“ am Großen Haus des Dresdner Staatsschauspiels.

Das hat das Dresdner Schauspielhaus in 100 Jahren noch nicht gesehen: stehende Ovationen schon am Anfang der Premiere von Shakespeares „Hamlet“. Doch gilt der Applaus (noch) nicht den Schauspielern, sondern ist vielmehr ein ironischer Geniestreich von Regisseur Roger Vontobel, der Hamlet als empfindsamen Musiker – und Shakespeares Stück somit zunächst als Konzert – inszeniert. Wem stünde die Hauptrolle da wohl besser zu Gesicht als Christian Friedel, der sogleich zusammen mit seiner Band WOODS OF BIRNAM die Bühne auf der Bühne (Gestaltung: Claudia Rohner) betritt.

Was sich hier vielleicht wie riesiger Klamauk anhört, entpuppt sich im Laufe des Abends jedoch als knallhartes, durch und durch fesselndes Schauspiel, bei dem die Musik zwar eine große Rolle spielt, jedoch nicht mehr in ihren Bann zieht als die eigentliche Kunst eines brillanten Ensembles. So überzeugt in erster Linie Christian Friedel als emotionaler, etwas eingebildeter und vor allem jugendlich ungestümer Hamlet-Sänger, der seinem Onkel (Torsten Ranft) nach dem Leben trachtet. Denn er meint, dieser hätte seinen Vater umgebracht, um König zu werden.

Beachtlich entwickelt auch Annika Schilling die Figur der Ophelia von der schmachtend Verliebten hin zur verzweifelten Wahnsinnigen. Und mit Torsten Ranft als protzigem König und Hannelore Koch als glitzernder First Lady kann sowieso nichts mehr schiefgehen. Ganz ungeachtet der Frage, ob es denn wirklich ausreichend ist, Hamlet als verwirrten Künstlersohn zu interpretieren, fliegen die Minuten in dieser gut dreistündigen, mit geballter Schauspielleistung und gewitzten Effekten vollgepackten, aber dennoch nicht überladenen Vorstellung nur so dahin. Fast möchte man auch nach dem Schlussapplaus noch weiter sitzen bleiben – und zwar nicht nur Hamlet zuliebe.

Großes Haus des Dresdner Staatsschauspiels: 6. und 12. Dezember (je 19.30 Uhr)

Zum Foto: Christian Friedel brilliert als Hamlet.
Foto: PR/Matthias Horn


Schräger geht‘s nicht

Mit „GLORIOUS!“ kommt die schlechteste Sängerin der Welt auf die Bühne

Von Marion N. Fiedler

Ein kuriouses Gesellschaftsphänomen im New York der 40er-Jahre wird als Komödie von Peter Quilter gerade in den Landesbühnen Sachsen gezeigt.

Die wohlklingende Arie der Adele, dargebracht von der Sopranistin Antje Kahn, mit dem das Theaterstück eröffnet wird, sollte man genießen. Mindestens so, wie es die noch junge Florence Foster Jenkins (Anke Teickner) tut, die die Bühnendiva beobachtet und dabei selbst von einer Gesangskarierre träumt. Es wird die einzige wohlklingende musikalische Darbietung des Abends bleiben, die man in der Theateraufführung von „GLORIOUS!“ zu hören bekommt. Auch wenn viele weitere Stücke folgen werden. Diese drehen nämlich regelrecht die Nägel aus dem Klavier heraus.

Florence Jenkins ist in den 1940er-Jahren als Gesellschaftsphänomen bekannt geworden. Die wohlhabende Möchtegernsängerin stört die schlechte Qualität ihrer eigenen Darbietungen dabei nicht im Geringsten. Noch kurioser: Sie bemerkt es nicht einmal. Vor ihrem inneren Auge bleibt sie die könnende Künstlerin, und so organisiert sie weiter fleißig Konzerte im eigenen Etablissement oder auf Bällen, wählt sogar ihre Gäste vorher aus. Jeder Interessierte muss sich nämlich für eine Karte bei ihr persönlich vorstellen.

Für den Auftritt in der Carnegie Hall riskiert sie sogar ihre eigene finanzielle Stabilität und gibt kurzerhand die eigenen Möbel zur Auktion frei. Aufkommende Kritik an ihren musikalischen Fähigkeiten prallt an ihr als Neid böser Stimmen ab und verblüffte Schockzustände ihres Publikums bestätigt das von ihr selbst nie bezweifelte, „umwerfende“ eigene Talent. Diese Situationen sind schauspielerisch hervorragend gemeistert. Der Zuschauer verfolgt den Werdegang der unfähigen Sängerin lachend bis zum Höhepunkt, als sich Florence Foster Jenkins letztendlich im größten New Yorker Konzertsaal präsentiert und dem ausverkauften Publikum ihre sehr eigene Zauberflöteninterpretation vorjault. Auf dem Grabstein der echten Heulsängerin kann man lesen: „Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte.“

Mit Tom Quaas in der Regie ist den Landesbühnen Sachsen eine Komödie gelungen, die man so noch nie gesehen hat. Die Umsetzung der ziemlich schrägen Aufführung ist mit Hilfe von liebevoll-aufwendigen Requisiten (Daniela Seffer) und schillernden Kostümen (Tilo Schiemenz) absolut gelungen. Auch wenn man sich manchmal in den Seitenhandlungen zwischen den Hauptszenen eher verirrt, spannt sich der rote Faden wunderbar durch einen genussvoll-lustigen Abend: die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau inspiriert von deren Lebensfreude und einem unvergleichbaren Erfülltsein von der Musik. Und das steckt an.

Landesbühnen Sachsen (Hauptbühne): 9. & 13. März, jeweils 19.30 Uhr, außerdem am 1. April, um 15 Uhr.

Zum Foto: Michael Heuser als Bayfield (v.l.hi.), Wiebke Adam-Schwarz als Dorothy, Anke Teickner als Florence Foster Jenkins, Julia Vincze als Marie, David Müller als Cosme, Dörte Dreger als Tontechniker.
Foto: PR/Detlef Ulbrich


Hauptmanns „Winterballade“ am GHT Zittau

Eine entartete Liebesgeschichte im schwedischen Winter

Von Nicole Laube

Es schneit an der schwedischen Küste, der Krieg ist vorüber und der Winter hat das Land fest im Griff. Ein Schlitten, darauf drei schottische Soldaten, die dank Eismeer im fremden Land gefangen sind. Sie streiten, raufen und schreien, vergewaltigen beinahe eine Frau, die ihnen im Weg steht. Der Krieg verändert die Menschen. Szenenwechsel. Während draußen der Schnee rieselt, feiert Pfarrer Arne im Pfarrhaus seinen Geburtstag. Eine Idylle hinter zugeschobenen Gardinen, die sich jedoch als trügerisch erweist, als die drei Söldner einbrechen und alle Anwesenden umbringen. Nur Elsalil überlebt. Während des Pfarrers Sohn Arnesohn den kaltblütigen Mord um jeden Preis rächen will, verliebt sie sich in den Mörder Sir Archie.

Mit Gerhart Hauptmanns „Winterballade“ bringt das gleichnamige Theater in Zittau im Hauptmannjahr eine kaum gespielte Tragödie aus dem Spätwerk des Autors auf die Bühne, in der die handelnden Personen mehr von dämonisch-mystischen Instinkten denn von Vernunft getrieben werden. Die entartete Liebesgeschichte zwischen Elsalil und ihrem Peiniger Archie wird vor dem Hintergrund des Massakers im Pfarrhaus zum Spiegelbild unbewusster, mit dem reinen Verstand nicht fassbarer Gewalten, die das Dasein des Menschen unausweichlich mitbestimmen. Neben der Aktualität des Kriegsthemas und den Fragen nach Schuld und Sühne, Reue und Vergeltung, war es eben die Existenz solcher geheimnisvollen Zusammenhänge, die den Schauspielintendanten Carsten Knödler an der „Winterballade“ reizten.

In Knödlers Inszenierung ist der leise im Hintergrund rieselnde Schnee lange Zeit das einzige, aber dafür umso gelungenere, Gestaltungsmittel. Der Vordergrund bleibt den Schauspielern überlassen. Fast das gesamte Zittauer Ensemble rackert sich im Anschluss an die brutalen Anfangsszenen auf dieser schlichten Bühne ab und verleiht den Facetten vernichtender Menschlichkeit dabei ein erschreckend lebendiges Gesicht. Das Geheimnisvolle, jene Unerklärbarkeit der Gefühle, die Hauptmann in seinem Spätwerk so gerne beschreibt, schwebt dabei stets spürbar im Raum.

Philipp von Schön-Angerer zeigt den sündigen Soldaten Sir Archie als kühlen, auf Mitgefühl nicht mehr trainierten Soldaten, der am Ende jedoch zwischen seiner schier unmenschlichen Leidenschaft und reuigem Verlangen ins Schwanken gerät. Peu à peu steigert sich dagegen die Vergeltungssucht Arnesohns bis hin zur Vehemenz seines Schlussworts „verflucht“, bei dem sich die Bühne plötzlich im goldigen Fackelschein erhellt. Christian Ruth lässt die Verbitterung dieser Figur auf der Bühne überzeugend aufflammen. Zwischen diesen beiden Polen nimmt Elsalil (Natalie Renaud-Claus) eher eine passive Rolle ein. Sie bleibt auch nach der bizarren Wandlung des Mörders zu ihrem persönlichen Wundertäter beständig zwischen Schockzustand und Liebesfeuer hin- und hergeworfen – am Ende aber immer ein Opfer. – Ein grandioser Theaterabend, der zur Premiere nicht nur als Hommage an den Namensgeber, sondern auch an das Zittauer Theater selbst, mit stehenden Ovationen umjubelt zu Ende ging.

Gerhart Hauptmann-Theater (Großer Saal) Zittau: Die Inszenierung läuft am Sonnabend, dem 3. März, um 19.30 Uhr, außerdem am 21.3. & 20.4. jeweils 19.30 Uhr und am 28.3. um 14 Uhr.
Gerhart Hauptmann-Theater (Großer Saal) Görlitz: Die Inszenierung läuft am 12., 18. & 19.5. jeweils 19.30 Uhr sowie am 3.6. um 15 Uhr.

Zum Foto: In Hauptmanns „Winterballade“ sind die Grenzen zwischen Gut und Böse fließend: Rächer (Christian Ruth als Arnesohn) und Sünder (Philipp von Schön-Angerer als Sir Archie) sehen sich in die Augen – der Pfarrer wird zum Mörder, der Mörder zum Liebenden.
Foto: PR/Pawel Sosnowski


Im Bann der Krokodile

Bruno Schulz: „Die Zimtläden“ am GHT Zittau

Von Nicole Laube

Das Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau (GHT) würdigt den polnischen Avantgardisten Bruno Schulz (1892-1942) mit einer neuen Dramatisierung (Claudia Philipp und Carsten Knödler) seines Romans „Die Zimtläden“ (1933).

In dichten poetischen Sprachbildern erzählt dieser von einer Kaufmannsfamilie vor dem Ruin. Der Vater Jakub (grandios: Stefan Migge) scheint jeglichen Faden zur Realität verloren zu haben. Von einer merkwürdigen Krankheit gezeichnet, wahnwandelt er durch sein Geschäft, während sein Sohn (Stephan Bestier) immer wieder die „finstre Buntheit der Dinge“ in den alten „Zimtläden“ heraufbeschwört und vor mysteriösen „Krokodilen“ schaudert, die alles zu verschlingen drohen. Die Mutter (Renate Schneider) hingegen beschäftigt sich lieber mit der Realität der Buchhaltung, um zu retten, was noch zu retten ist. In diese merkwürdige Konstellation platzt gleich zu Beginn das heitere Dienstmädchen Adela (Natalie Renaud-Claus) hinein, die, ständig um Ordnung bemüht, dieser rätselhaften Umgebung bald ebenfalls zum Opfer fällt.

Dem polnischen Regisseur Bogdan Koca gelingt es in seiner Inszenierung, Schulz’ düstere Sprachbilder auch szenisch einzufangen. Die unmittelbare Nähe zum Geschehen auf der Drehbühne hinter dem Theatervorhang schafft eine atmosphärische Kulisse, die den Zuschauer förmlich in die geheimnisvoll surreale Welt dieser Kaufmannsfamilie hineinzieht, in der die Grenzen zwischen Illusion und Wirklichkeit oft verschwimmen. Die vier Darsteller lassen die schier unergründliche Textvorlage des Romans auf dieser Bühne lebendig werden, sodass die Bedrohung durch Krankheit und der Verlust von Vertrautem nahezu spürbar im Raum schweben – ein sinnliches Theatererlebnis, sofern man bereit ist, sich auf Schulzes Sprachmystik einzulassen.

Gerhart Hauptmann-Theater Zittau: Die Inszenierung läuft am 1. und 5. Februar, jeweils 19.30 Uhr.

Zum Foto: Vater Jakub (Stefan Migge) scheint die Realität fern.
Foto: PR/Detlef Ulbrich


Es hat „Tschick“ gemacht!

Wolfgang Herrndorfs zweiter Roman als Kopf-Roadmovie im Kleinem Haus Dresden

Von Juliane Hanka

Früher mussten sich Schüler – in Aussicht auf eine ausfallende Doppelstunde Deutsch – „Kabale und Liebe“ im Theater ansehen.

Ein Beweis, dass die Lehrmethoden deutlich zeitgemäßer geworden sind, liefert nun „Tschick“. Herrndorfs Roman durften die Schüler sogar vorher noch lesen!

Aus einem beeindruckenden Buch über die Freundschaft zwischen zwei ungleichen Jungs wurde ein beeindruckendes Theaterstück. Maik Klingenberg (Benjamin Pauquet) und Andrej Tschichatschow (Sebastian Wendelin) sind fünfzehn, die Hälfte des Publikums an diesem Abend ist es vermutlich auch. Sie lachen, wenn das Duo auf einem Ghettoblaster, der eigentlich ein geklauter Lada ist, über die Bühne heizt, die eigentlich Ostdeutschland oder die Wallachei ist. Ist ja auch lustig, das Ganze. Egal ob Erwachsener oder Kind, die Zuschauer dürfen zwei Stunden lang miterleben, wie ein Minderjährigen-Roadtrip zu einer russischen Therapiestunde wird und wie aus einem zweifelnden Maikchen ein begreifender Maik heranreift, bei dem es plötzlich Tschick macht.

Die Bühnenfassung von Robert Koall und die daraus entstandene Inszenierung von Regisseur Jan Gehler hält sich eng an seine Vorlage und übernimmt viele Dialoge. Fast alle Herrndorfschen Charaktere kommen darin vor: die trinkende Mutter, der fremdvögelnde Vater, die Schrottplatzliebe (Lea Ruckpaul), ein paar Ökospinner und ein schießwütiger Opi. Sie alle leben in Herrndorfs Ostdeutschland und trotzdem ist es eine Gegend voller Zuneigung, ein riesiger, regelloser Abenteuerspielplatz. Da steht nur eine graue Rampe (Bühne: Sabrina Rox), was ganz passend ist, denn so verstellt nichts den Blick in die eigene Fantasie. Dazu gibt’s appetitliche Regieeinfälle: eine Wassermelone, Cola aus Dosen, Schokoriegel und hunderte bunte Kaugummikugeln.

Kleines Haus Dresden: Die Vorstellung am 31.12., 20 Uhr, ist ausverkauft, eventuell gibt es Restkarten an der Abendkasse. Weitere Termine: 18., 19. und 20. Januar 2012.

Zum Foto: Dumm aus der Wäsche gucken können Tschick (vorn) und Maik auch ganz gut.
Foto: PR/Matthias Horn


Getanzte Zauberwelt

Tschaikowskys „Nussknacker“ in der Semperoper

Von Nicole Laube

Kaum ein Ballett ist wohl so eng mit Weihnachten verbunden wie der „Nussknacker“ – und ebenso wie das schönste Fest im Jahr bringt auch die aktuelle Produktion an der Semperoper die Augen von Groß und Klein zum Leuchten. Vor romantischer Dresden-Kulisse (Bühne und Kostüme: Roberta Guidi di Bagno) erwachen hier getreu der literarischen Vorlage E.T.A. Hoffmanns die Spielfiguren des Mitternachts zum Leben, tanzen die Zinnsoldaten und Zuckerpuppen im schneebedeckten Märchenwald. Im Wesentlichen dem ursprünglichen Ballettlibretto von Marius Petipas folgend, bleibt in dieser Kooperation von Semperoper Ballett und der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden kein Platz für Düsteres.

Ballettdirektor Aaron S. Watkin und Palucca-Rektor Jason Beechey haben dabei eine klare, klassische Choreografie erarbeitet, die sowohl den kleinen als auch den großen Tänzern viel Raum für Individualität lässt und deren Bewegungsabläufe ungezwungen und natürlich wirken. Für Spannung sorgt dabei eben jenes Wechselspiel zwischen jungen und erwachsenen Tänzern. Am deutlichsten wird dies in der Figur der Marie, die auch choreografisch eine innere Entwicklung vom kleinen Mädchen (Lydia Jahn) zur erwachsenen Frau (Anna Merkulova) durchmacht – bis sie schließlich mit ihrem Prinzen (István Simon) den Blumenwalzer tanzt.

Unter der musikalischen Leitung von Vello Pähn verschmelzen Tschaikowskys berühmte Melodien dabei exakt mit dem bunten, zauberhaften Geschehen auf der Bühne. Sodass man wünscht, der Abend möge nie zu Ende gehen.

Semperoper Dresden: Die Inszenierung läuft am 9. und 13. Dezember, jeweils 19 Uhr.

Zum Foto: Tanz im Winterwunderland – Tschaikowskys „Nussknacker“ wird in der aktuellen Interpretation an der Semperoper zu einem märchenhaften Balletterlebnis.
Foto: PR/Costin Radu


Ein Pfefferkuchenmann rettet Leben

Von Nico Karge

Ein Schicksalsschlag ohnegleichen: Herr von Kuckuck aus der Kuckucksuhr hat einen Frosch im Hals – und kann nicht mehr „Kuckuck“ rufen. Die „Großen“, die Menschen, wollen das krächzende Schmuckstück (David Müller) deshalb im bösen, bösen Mülleimer entsorgen. Von Kuckucks Freunde, Fräulein Pfeffer (Franziska Hoffmann) und Herr Salz (Tom Hantschel), suchen Hilfe beim frisch gebackenen Lebkuchenmann (Marc Schützenhofer). Der hat die Patentlösung: heilender Honig für den kratzenden Kuckuckhals. Das Honigglas aber steht auf dem oberen Küchenregal, das der schrecklichste, mürrischste Teebeutel aller Zeiten (schön fies: Anke Teickner) annektiert hat. Dennoch begibt sich der knusprige Held auf Klettertour. Doch der Honig wird von den „Großen“ vergiftet, um die gefährliche Mafiamaus Flitsch (Wiebke Adam-Schwarz) zu töten. Aber die wiederum will dem Lebkuchenmann an den leckeren Leib.

„The Gingerbread Man“ wurde 1976 in Großbritannien uraufgeführt. Der Dresdner Regisseur Jost Kittel inszenierte das Stück neu für die Landesbühnen Sachsen als das diesjährige Kindermusical zum Advent. Nur sonderlich weihnachtlich kommt’s leider nicht daher.

Entstanden ist aber ein süßes, unterhaltsames Theaterstück über Mut und Freundschaft für die ganz Kleinen. Älteren Kindern mag es aber vielleicht etwas zu naiv und vorhersehbar sein. Erwachsene Begleiter können sich am liebevollen Bühnenbild (Stefan Wiel), fantasievollen Kostümen (Irina Steiner) und natürlich leuchtenden Kinderaugen erfreuen.

Landesbühnen Sachsen, Hauptbühne Radebeul: Die Inszenierung läuft am 11. Dezember um 11 Uhr. Die Veranstaltungen am 11. (15 Uhr), 12. (10 Uhr), 18. (11 + 16 Uhr), 19. (10 Uhr), 21. (10 Uhr) und 22.12. (10 Uhr) sind ausverkauft, eventuelle Restkarten gibt es an der Abendkasse.
Theater Meißen: Die Inszenierung am 13.12. (10 Uhr) ist ausverkauft. Am 14.12. (10 Uhr) sind noch Karten zu haben.
Kulturzentrum Großenhain: Die Inszenierungen am 20.12. (9.30 + 14 Uhr) sind ausverkauft. Am 25.12. (16 Uhr) sind noch Karten zu haben.

Zum Foto: Der Lebkuchenmann (Marc Schützenhofer, re.), Herr Salz (Tom Hantschel, v.l.), Fräulein Pfeffer (Franziska Hoffmann) und Herr von Kuckuck (David Müller) bei der Probe.
Foto: PR/B. Richter


Anspruchsvolles Weihnachtsmärchen

Von Jan Lange

Am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau hat das Weihnachtsmärchen eine lange Tradition. In diesem Jahr haben sich die Theatermacher eine der bekanntesten Weihnachtserzählungen überhaupt vorgenommen: Dickens „Die Weihnachtsgeschichte – A Christmas Carol“ in der Regie von Tom Quaas.

Die Zittauer schlagen damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen kann Wolfgang Adam, der den alten, grantigen Geizhals Ebenezer Scrooge überzeugend gibt, endlich einmal eine „böse“ Rolle spielen. Sonst sind es oft die positiven oder skurrilen Typen, die der 63-Jährige auf der Bühne darstellt. Zum anderen verabschiedet sich das Gerhart-Hauptmann-Theater mit der Weihnachtsgeschichte vom „Hänsel und Gretel“-Weihnachtstheater.

Die Geschichte um den gefühlskalten Scrooge, der in der Weihnachtsnacht durch drei Weihnachtsgeister zu einem besseren Menschen geläutert wird, ist aufgrund der sozialkritischen Einsprengsel für die ganz Kleinen zwar weniger geeignet, dank dieser Untertöne aber für Erwachsene umso unterhaltsamer. Vor allem, wenn sie wie am Zittauer Theater mit einem so hervorragenden Darstellerensemble umgesetzt wird. Auch Christian Ruth spielt wie die anderen gleich mehrere Rollen und ist in jeder urkomisch – sei es nun als Bob Cratchit oder als Nachtwächter.

Gut gelungen ist ebenso die Bühnenausstattung. Statt bei der großen Anzahl an Handlungsorten auf den ein oder anderen zu verzichten, werden sie in einem Weihnachtskalender zusammengeführt. Eine originelle Idee, die ansprechend umgesetzt wurde.

Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau: Die Inszenierung läuft am 12. (10 + 13 Uhr), 13. (10 Uhr), 14. (10 + 19.30 Uhr), 15. (10 Uhr), 16. (10 Uhr), 18. (11 + 15 Uhr), 19. (10 Uhr), 20. (10 Uhr), 21. (10 Uhr), 22. (10 + 18 Uhr), 23. (10 + 18 Uhr), 24. (11 Uhr) und 26.12. (15 Uhr).
Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz: Die Inszenierung läuft am 9.12. um 9 und 12 Uhr.

Zum Foto: Der erste Geist (Christin Wehner) entführt den alten Geizhals Ebenezer Scrooge (Wolfgang Adam) in die Vergangenheit.
Foto: PR/Detlef Ulbrich


Alles auf Leben

„Eugen Onegin“ an den Landesbühnen Sachsen

Von Nicole Laube

„Eugen Onegin“ wird in der Inszenierung von Therese Schmidt zu einem vergnüglichen Theaterabend.

Tragisch und irgendwie auch heutig scheint die Handlung von Alexander Puschkins Versroman „Eugen Onegin“, den sich Peter Tschaikowski 1879 als Vorlage für seine gleichnamigen lyrischen Szenen nahm.

Die unerfüllten Liebesideale des jungen, träumerischen Landmädchens Tatjana scheitern hier an der erfahrenen Abgeklärtheit des Eugen Onegin – jenem Dandy aus der Stadt, der Tatjana beim ersten Besuch sofort den Kopf verdreht. Es geht dabei ebenso um die Sehnsüchte und Ziele einer jungen, emanzipierten Frau sowie um die Bindungsängste Onegins, der zunächst alles andere als an großen Gefühlsinvestitionen interessiert ist.

Die Figuren des Stückes sind Charaktere, deren vielschichtige Beziehungen untereinander vor allem in der Musik deutlich werden. Es erscheint daher nur konsequent, wenn Therese Schmidt in ihrer Inszenierung auf klare strukturelle Mittel zurückgreift und das Ganze auf der Bühne stringent, ohne große Mehrdeutigkeiten darstellt. Wirken die Anfangsszenen dadurch auch noch etwas fade, so gerät die Inszenierung im zweiten Teil dann umso eindrucksvoller. Den Musikern indes gelingt es unter der Leitung von Michele Carulli, auch jene Töne zwischen den Zeilen zu erzählen. Gesanglich überzeugen dabei vor allem Norman D. Patzke als Eugen Onegin sowie Stephanie Krone, die als Tatjana kleine anfängliche Unsicherheiten bis zum letzten Bild gänzlich vergessen macht. Für Hannah Schlott indes scheint die Partie der Olga an manchen Stellen etwas zu tief geraten und auch Guido Hackhausen kämpft sich ein wenig zu angestrengt durch die Arie des Poeten Lenski. Dennoch bleibt der Abend insgesamt als erfreuliches Theatererlebnis in guter Erinnerung.

Landesbühnen Sachsen, Hauptbühne: Die Inszenierung läuft am 15.12. und 5.1., jeweils um 19.30 Uhr.

So spielt das Leben: Als Eugen (Norman D. Patzke) sich endlich seiner Liebe zu Tatjana (Stephanie Krone) bewusst wird, ist es bereits zu spät.
Foto: PR/Martin Krok


Männer in Kleidern

„Der Kaufmann von Venedig“ am Staatsschauspiel Dresden

Von Nicole Laube

Spannend ist der Ansatz, den Regisseur Tilmann Köhler in der aktuellen Inszenierung von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ am Staatsschauspiel Dresden verfolgt. Alle Rollen werden hier – getreu dem elisabethanischen Theater – von Männern gespielt. Das allein sorgt schon für Lacher. Denn wer geriete nicht ins Schmunzeln, wenn Philipp Lux oder Christian Friedel als tuntige Damen im Petticoat herumtänzeln?

Am Anfang jedoch sind die Männer alle gleich. Verpackt in einheitlich-farblose Unterwäsche betreten sie die Bühne und beginnen erst, sich mittels Kleidern zu Leuten von unterschiedlicher Herkunft zu entpuppen. So geschieht es, dass der Jude Antonio (wunderbar stur-verbittert: Christian Erdmann) plötzlich als Sonderling von den anderen wahrgenommen, von ihnen verhöhnt und angespuckt wird.

Im bloß aus bunten Kleiderfetzen bestehenden Bühnenbild (Karoly Risz) wechseln die Maskeraden von Mann zu Mann, während sich die Charaktere und deren Beziehungsgeflecht in Shakespeares Tragikkomödie allmählich herausschälen. Das Misstrauen gegenüber dem Andersartigen wird zum Dreh- und Angelpunkt dieser auf Transparenz zielenden Inszenierung. Und dennoch fehlt hier ein Quäntchen Überzeugungskraft. Über weite Strecken mangelt es trotz wirklich guter schauspielerischer Leistungen an dramaturgischer Spannung, viele Passagen wirken allzu fade. Zu sehr wird auf die Komik von Männern in Röcken gesetzt, den Shakespeareschen Text trägt das allein jedoch nicht. Der Zuschauer bleibt unberührt, wenn auch leise schmunzelnd zurück.

Staatsschauspiel Dresden: Die Inszenierung läuft am 12. und 28.12. sowie am 20.1., jeweils um 19.30 Uhr.


Tierisch lustiger Augenschmaus

Goethes Fabel vom „Reineke Fuchs“ brilliert im Dresdner Schauspielhaus

Von Susanne Magister

Der schlaue Fuchs siegt mit List und Tücke immer wieder gegen die Dummheit und Gier seiner Gegner.

Die Tierschar erscheint am Hofe des Löwenkönigs, um ihre zahlreichen Beschwerden gegen den als einzigen nicht anwesenden Reineke Fuchs vorzubringen. Er soll zum Hof gebracht werden, um seine gerechte Strafe zu erlangen, doch er entgeht ihnen ein ums andere Mal durch seine List und schafft es sogar, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, als er bereits zum Tode verurteilt wurde. Bis es zum finalen Zweikampf vor der sensationslüsternen Meute kommt…

Die Geschichte ist so simpel und doch tiefgreifend in jede Zeit übertragbar. Die Gradwanderung besteht darin, das Stück für Kinder und Erwachsene gleichermaßen stimmig aufzubereiten.

Das ist Regisseurin Susanne Lietzow in der Dresdner Inszenierung hervorragend gelungen. Die Charaktere sind meisterlich pointiert und zeitgemäß anspielungsreich gesetzt. Das Ensemble darf sich entfalten, eine jede Rolle scheint auf den Leib geschneidert – sei es der große Philipp Lux als dicker Bär, Matthias Reichwald als Kraft strotzender Wolf Isegrim, Hannelore Koch als leicht zu umgarnende Löwin Noblesse, der Leipziger Schauspielstudent Gregor Knop als tuntiger Pudel und nicht zuletzt Sascha Göppel als gerissener Reineke Fuchs. Die Reihe ließe sich fortsetzen.

Unterstützt werden die Schauspieler durch ihre grandiosen Kostüme (Marie Luise Lichtenthal), deren tierisch-vermenschlichter Einfallsreichtum absolut bestechend ist, durch das drehund wandelbare Waldbühnengeflecht (Aurel Lenfert) und Videoszenen (Petra Zöpnek), die in einer herrlich-komischen Stummfilmadaption gipfeln. Kinder und Erwachsene lachen manchmal an unterschiedlichen Stellen, das Goethesche Sprachgewand mag für erstere auch teilweise schwierig sein. Große und kleine Premierengäste applaudieren am Ende aber zu Recht gleichermaßen frenetisch.

Staatsschauspiel Dresden: Die Vorstellungen am 8. (10.30 Uhr), 11. (10.30 + 17 Uhr), 13. (10.30 Uhr), 14. (10.30 Uhr), 17. (19 Uhr), 18. (16 Uhr), 23. (17 Uhr), 25. (17 Uhr) und 26.12. (10.30 Uhr) sind ausverkauft, eventuelle Restkarten gibt es an der Abendkasse. Außerdem gibt es noch Karten für die Inszenierungen am 18., 19. und 21.12., jeweils 10.30 Uhr, sowie am 15.1. um 17 Uhr.

Zum Foto: „Reineke Fuchs“ begeistert Jung und Alt gleichermaßen.
Foto: PR/David Baltzer


Hürdenlauf mit kleinen Patzern

„Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ in Zittau

Von Jan Lange

Es ist wie beim Hürdenlauf: Die erste Hürde muss der Läufer perfekt nehmen. Stolpert er hier schon, ist der gesamte Lauf dahin. Bei einem Ein-Mann-Stück ist das nicht anders. Mit seinen ersten Worten muss der Schauspieler das Publikum fesseln. David Thomas Pawlak gelingt dies in „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“. Mit elf habe er ein Schwein geschlachtet und sei zu den Nutten gegangen, erzählt er den Zuschauer. Das lässt aufhorchen. Die Spannung ist da – aber bleibt nicht bis zum Ende.

Die Geschichte trägt daran keine Schuld. Im Paris der sechziger Jahre freundet sich der elfjährige jüdische Junge Momo mit dem alten arabischen Kolonialwarenhändler Monsieur Ibrahim in der Rue Bleue an. Bei ihm findet er die Beachtung und Anerkennung, die ihm sein geiziger und unnahbarer Vater stets verweigert. Als sein Vater verschwindet, versucht Momo das zu vertuschen. Es gelingt ihm so lange, bis sein Vater Selbstmord begeht. Monsieur Ibrahim wird sein Adoptivvater und will mit ihm in seine alte Heimat Anatolien reisen. Wie in vielen seiner Werke steckt auch in dieser Erzählung des französischen Autors Éric-Emmanuel Schmitt viel Wärme, Leichtigkeit und Poesie.

Regisseur René Schmidt, der erstmals ein Stück am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau inszeniert, gelingt es, die Besonderheiten der Geschichte auf die Bühne umzusetzen. Mit David Thomas Pawlak ist auch die Wahl des Darstellers gelungen. Allerdings vermisst man ein wenig die unterschiedliche Intonation der Figuren. Schließlich spielt Pawlak sowohl den jungen Momo wie auch den alten Ibrahim. Er ist deshalb mehr Erzähler als Spieler. Dies ist ein Grund, warum die mit den ersten Worten so erfolgreich aufgebaute Spannung zeitweise abflaut. Nichtsdestotrotz verdient David Thomas Pawlak Anerkennung, dafür dass er das rund 100-minütige Stück ganz alleine stemmt.

Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau: Die Inszenierung läuft am 22. Januar um 19.30 Uhr.

Zum Foto: David Thomas Pawlak meistert das knapp 100-minütige Stück ganz allein.
Foto: PR/Pawel Sosnowski


Bestes Boulevardtheater

Am Zittauer Theater sorgt Peter Shaffers „Komödie im Dunkeln“ für urkomische Verwicklungen

Von Jan Lange

Schon der Anfang ist ungewöhnlich. Auf der Bühne, die noch im Dunkeln liegt, tragen zwei Personen Möbelstücke herein. Dass es sich um zwei Schauspieler handelt, ist von den ersten Reihen aus zu erkennen. Muss das Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau wegen seiner finanziellen Nöte bereits seine Bühnenbildner einsparen und die Darsteller deren Aufgaben übernehmen? Oder muss am Licht gespart werden?

Diese Fragen schießen einem durch den Kopf angesichts der Szenerie. Keines von beiden ist der Fall. Wenige Augenblicke später wird dies klar. Es handelt sich vielmehr um einen gelungenen Kunstgriff. Hell und Dunkel werden in Peter Shaffers „Komödie im Dunkeln“ miteinander vertauscht. Bleibt die Bühne dunkel (Bühne und Kostüme: Peer Palmowski), spielt die Story im Hellen, und ist die Bühne beleuchtet, tappen die Schauspieler in der Geschichte durch einen vollkommen dunklen Raum. Dieser Kniff von Regisseur Axel Stöcker ist so ungewöhnlich wie genial. Denn es sorgt für allerlei Verwicklungen – zur Freude der Zuschauer. Die Schauspieler rennen gegen Wände und Türen oder stolpern über Treppenstufen.

Hauptfigur ist der Bildhauer Brindsley (Stefan Sieh), der zusammen mit seiner Verlobten Carol (Renate Schneider) den russischen Kunstsammler George Godunow (Uwe Körner) erwartet. Dieser interessiert sich für Brindsleys abstrakte Plastiken. Allerdings verspätet sich der Gast und taucht auch erst kurz vor dem Ende des Stücks auf. Bis dahin müssen sich die wartenden Gastgeber mit Carols schimpfenden Schwiegervater (Detlef Vitzthum), Nachbarin Miss Furnival (Christine Gabsch) und Harold Gorringe (Marko Bullack) die Zeit vertreiben. Letzterer kommt überraschend von einer Reise früher zurück und muss nun in Brindsleys Wohnung festgehalten werden. Denn Brindsley und Carol haben sich seine Möbel ausgeborgt, um bei Godunow Eindruck zu schinden. Auch Brindsleys Ex-Geliebte Clea (Natalie Renaud-Claus) taucht vollkommen unerwartet auf. Da in Brindleys Wohnung ein Kurzschluss alles verdunkelt hat, fällt ihre Anwesenheit nicht so schnell auf.

Die Schauspieler laufen zu absoluter Hochform auf. Es ist köstlich, ihnen zuzusehen. Allen voran Christine Gabsch. Allein schon ihr Spiel mit dem Schaukelstuhl ist eine komische Szene der Extraklasse und bleibt lange in Erinnerung. Die „Komödie im Dunkeln“ ist bestes Boulevardtheater.

Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau: Die Inszenierung läuft am 16. Dezember (19.30 Uhr) und am 31. Dezember (17 + 20 Uhr) sowie am 29.1. um 15 Uhr.
Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz: Die Inszenierung läuft hier erst im Februar 2012.

Zum Foto: Stefan Sieh spielt Brindsley wunderbar komisch.
Foto: PR/Detlef Ulbrich

Ein viehisches Durcheinander

Im Theater Görlitz wird die Operette „Der Vogelhändler“ mit tierischer Opulenz aufgeführt

Von Susanne Magister

Der Mensch überträgt seine Charaktereigenschaften gern auf die Tierwelt – selten so konsequent wie in der Görlitzer Inszenierung von Carl Zellers „Vogelhändler“.

Sebastian Ritschel (Regie) und Ronny Scholz (Dramaturgie) haben das Libretto dieser von biederer Idylle und Liebesromantik triefenden Operette wortwörtlich genommen und dialogisch ausgebaut. Darin werden die Tiroler und Pfälzer Protagonisten mit charakteristischen Tieren verglichen. Folgerichtig tritt das Volk zunächst als gackerndes Federvieh und dann als zeternde Krähen auf, der vermeintlich gerissene Graf Stanislaus (Adam Sanchez) als Fuchs, der Vogelhändler Adam (Alexander Voigt) als Wanderfalke und die Postbotin Christel (Laura Scherwitzl) als Brieftaube. Sie singen, pfeifen und schmettern die zu Evergreens der Operettenmusik gewordenen Melodien solide bis herzzerreißend.

Eher grotesk als grazil durchleben sie das Liebeswirrspiel, in dem die Christel ihren Verlobten Adam erst heiraten will, wenn dieser eine einträgliche Stellung gefunden hat, was sie über Vermittlung beim Kurfürsten, der jedoch in Wahrheit der verkleidetet Graf Stanislaus ist, erreichen will. Das wiederum verleitet den Vogelhändler Adam zu Eifersuchtsattacken und treibt ihn in die Arme der jungen Marie (als Pfau: Audrey Larose Zicat), die in Wahrheit die verkleidete Kurfürstin ist. Was verwirrend klingt, ist leicht zu durchschauen, und am Ende findet sich, was zueinander gehört.

In der Welt der Bordsteinschwalbe

Zwischendrin erklären die beiden emeritierten, als Einzige in menschlichem Antlitz daherkommenden Zoologieprofessoren Süffle und Würmchen (Konstantin Krisch und Hans-Peter Strippe) seltene Gattungen aus der Welt der Fauna, wie etwa die Bordsteinschwalbe.

Die hauseigene Tanzcompany muss sich mal in bunte Vögel, mal in Affe, Tiger, Kamel und Co. verwandeln und macht ihre Sache gut – vor allem der Tiroler Schuhplattler gelingt ihnen als Applausgarant.

Unter Manuel Pujols musikalischer Leitung und dem sicher tragenden Spiel der Neuen Lausitzer Philharmonie wird der ganze Haufen zusammengehalten, und wem das tierisch-bunte Treiben streckenweise gar zu albern wird, der kann sich einfach ganz der Musik hingeben. Gleichwohl, die aufwendigen Kostüme samt Vogelkrallen und Tierköpfen (Ausstattung: Heike Mirbach) sind sehenswert und beeindruckend und trösten auch über die sonst recht einfallslose Bühnengestaltung hinweg.

Das Tier im Menschen herauszukehren, ist als Idee weniger langweilig als der Operettenstoff an sich – so richtig Pfiff hat’s aber doch nicht.

Theater Görlitz am Samstag (15.10., 19.30 Uhr), am Sonntag (16.10., 15 Uhr), am 21. Oktober und 4. November (jeweils 19.30 Uhr), am 6. November (15 Uhr) sowie am 12. November (19.30 Uhr)

Zum Foto: „Die Christel von der Post“ (Laura Scherwitzel) kommt in der Görlitzer Inszenierung von Sebastian Ritschel als Federvieh angeschwebt.
Foto: PR/Marlies Kros


Flachmann und Grottenolme

„Alles Opfer! oder Grenzenlose Heiterkeit“ – Spurensuche im Dresdner Kleinen Haus

Von Christine Reißing

In einer aberwitzigen Zwischenwelt streiten sich fünf gescheiterte Existenzen um die deutsche Vergangenheit. Die Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen fordert selbstständige Meinungsbildung.

Tödliches Busunglück auf einer Kaffeefahrt nach Schlesien. Nur fünf der Reisenden überleben – sie hätten unterschiedlicher nicht sein können. Neben einem ehemaligen DDR-Schlagersternchen mit Alkoholproblem (authentisch: Picco von Groote als Marie Wagner, stets mit Schnäpschen in der Hand) wäre da ihr Vater und Manager Lennert, der sich als Ex-Stasi-Spitzel entpuppt. In seine Rolle schlüpft überzeugend Holger Hübner. Die „sudetendeutsche“ Witwe Martha (großartig: Helga Werner) trägt ihren verstorbenen Ehemann, einen leidenschaftlichen SS-Soldaten, stets in einer Urne bei sich. Biologin Antonia (Anna-Katharina Muck), die zu DDR-Zeiten in ostdeutschen Wäldern nach Grottenolmen geforscht hat, saß in Stasi-Haft. Und ein junger Journalist, „Zonen-Torsten“ (Sascha Göpel), scheint auf alle moralischen Fragen an die deutsche Vergangenheit eine Antwort zu wissen. Alle Fünf haben sich auf ähnliche Weise in ihre Opferrolle – ob nun im Nationalsozialismus, in der DDR oder der schuldbelasteten Gegenwart – eingefunden. „Wir … äh – sie!“ Wie war das noch – damals? Fix tun sich zwischenmenschliche Abgründe auf. Es wird geschrien, geprügelt, gesungen, gesoffen.

Schon wieder die alte Leier von NS- und DDR-Vergangenheit, mag man befürchten und Klischee-Reiterei erwarten. In der Regie von David Benjamin Brückel verwandelt sich Marie Wagner in eine lebende Discokugel, Wasser spritzt umher und die Nazi-Witwe hüllt sich in einer Art Wahnzustand in die alte SS-Uniform ihres Mannes. Zu viel des Guten? Der überdrehten Inszenierung voller Glitzer, Feuer und Zeitzeugen-Interviews fehlt die nötige Ernsthaftigkeit. Der Text des jungen Autors Dirk Laucke, der sich politischen Dramen verschrieben hat, hat sicher großes Potential. Seine Botschaft bildet, trotz guter schauspielerischer Leistungen, aber keine Einheit mit der überladenen Inszenierung. Reflexion garantiert – Irritation auch.

Kleines Haus Dresden: Die Inszenierung läuft am 29. Dezember, um 19.30 Uhr.

Zum Foto: Marie Wagner (Picco von Groote), ihr Vater (Holger Hübner) und Journalist Torsten (Sascha Göpel, v. l.) sind sich alles andere als einig..
Foto: PR/Matthias Horn


Feiger Königsmord

Verdis „Ein Maskenball“ an Dresdens Semperoper

Von Nicole Laube

Verdis „Ein Maskenball“ kommt in der Inszenierung von Elisabeth Stöppler eher blass daher. Als klangliches Erlebnis erster Güte bleibt er jedoch in Erinnerung.

Verheißungsvoll flüstert das Opernlexikon unter den Stichworten „Verdi ‚Ein Maskenball‘“ von Königsmord und Demaskierung. Eine einst skandalöse Oper, die vom Mord am Schwedenkönig Gustav III. erzählt – und von der Zensur gestoppt wurde.

Von solch spannender Brisanz ist in Elisabeth Stöpplers Inszenierung an der Semperoper allerdings nichts zu sehen. Hier geht es um Liebe, Gefühl, Pathos – keine vermeintlich intakte Gesellschaft, die auf der hiesigen Maskenballbühne ins Wanken gerät. Dementsprechend wird auch in Dresden aus Gustav III. Riccardo und aus Stockholm Boston.

Für das Verständnis spielt es deshalb keine Rolle, ob Stöpplers „Maskenball“ auf modern-abstraktem Theaterparkett oder im Hollywoodstudio (Bühne: Rebecca Ringst, Annett Hunger) tanzt: Da werden empfindsame Innerlichkeiten ausgetauscht, die dem Komponisten allerdings eher Mittel als Ursache zum Zweck gewesen sein dürften. Wertvolles Potenzial der Handlung wird so vergeudet. Während die Bühne rauf und wieder runter fährt, ist der verräterische Mord eigentlich von Anfang an klar.

Langweilig wird es aber – und das ist das Gute an diesem „Maskenball“ – dennoch nicht. Servieren Sängerensemble und Staatskapelle unter der Leitung von Carlo Montanaro doch einen musikalischen Leckerbissen erster Güte. Wookyung Kim (Riccardo) ist dabei nur einer von vielen Stars des Abends. Der Tenor brilliert in allen Facetten, singt kraftvoll mit dem Orchester oder voller Gefühl in der Arie mit Marjorie Owens (Amelia). Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit gibt Carolina Ullrich die Hosenrolle des Oscar. Glasklar und unaufgeregt singt sie sich durch die Koloraturen. Verdis Musik wirkt in diesem Ensemble ergreifend bis dramatisch – Gänsehaut inbegriffen. So bleibt der Abend als Klangerlebnis in bester Erinnerung.

Semperoper Dresden: Die Inszenierung läuft erst wieder im Februar 2012, am 3., 6., 9. und 16. Februar, jeweils 19 Uhr.

Zum Foto: Wookyung Kim (vorn) kehrt als Riccardo/Gustav III. in Verdis „Maskenball“ wieder einmal auf die Semperopernbühne zurück. Inmitten der bunt maskierten Ballgesellschaft nimmt das Drama seinen Lauf.
Foto: PR/Matthias Creutziger


Herz oder Geist – oder beides?

Im Kleinen Haus in Dresden jagen Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“ dem Glück nach

Von Anne Gerber

„Die Philosophie macht die Menschen nicht glücklich.“

Diese Weisheit des Philosophen Boris Groys kann Johannes Vockerath (überzeugend: Fabian Gerhardt) nur tiefseufzend bestätigen.

Verheiratet mit der ihn treu liebenden, aber seinen philosophischen Ambitionen geistig unterlegenen Käthe (berührend in ihrer Verzweiflung: Ines Marie Westernströer), fühlt sich der junge Vater in seinem spießigen Landleben wie in einem Gefängnis. Da erscheint die emanzipierte, freigeistige Studentin Anna (vielseitig: Ina Piontek), die mit ihrer unverblümt-frischen Art neues Leben in den tristen Alltag der kleinen Familie und Vockerath zum Erblühen bringt – bald jedoch auch in den Zwiespalt zwischen beide Frauen: Herz oder Geist? Was wiegt schwerer? Und wie soll er mit der Verantwortung für Käthe und den Kleinen umgehen? Fragen, die auszehren, sich nicht pauschal beantworten lassen.

Ebenso inszeniert Regisseurin Julia Hölscher ihre Figuren behutsam, nuanciert und weit entfernt von Klischees und Schwarzweiß-Zeichnungen. Auf verstaubten Teppichen, die zur Stolperfalle werden, und im Zwielicht eine schrecklich heile Welt vorgaukelnder Stehlampen (Bühne: Esther Bialas) taumeln, jagen und grübeln die Protagonisten auf der Suche nach ihrem inneren Gleichgewicht und der seelischen Erfüllung durch das Stück. Sind sie in ihren Dialogen schon verletzend ehrlich, legen pantomimische Zwischenspiele die inneren Kämpfe, die mühsam unterdrückten Emotionen und die verborgenen Leidenschaften auf bedrückende, erschütternde Weise frei – Höhepunkte eines auch dank des durchweg hervorragend besetzten Ensembles ergreifenden Theaterabends. Eine weitere kleine Perle im Repertoire.

Kleines Haus Dresden: Die Inszenierung läuft am 5.1. und 3.2., jeweils 19.30 Uhr.

Zum Foto: Käthe (Ines Marie Westernströer) kämpft um ihren Johannes (Fabian Gerhardt), der sich zunehmend von ihr abwendet.
Foto: PR/Matthias Horn


Wortgewaltiger Reigen der Religionen

„Nathan der Weise“: inszeniert von den Landesbühnen Sachsen, gezeigt in Dresden und Radebeul

Von Nicole Laube

Regisseur Arne Retzlaff paart Lessings „Nathan der Weise“ an den Landesbühnen Sachsen mit Weltreligionsmusik und verlagert das Stück vom Theater in die Kirche.

Lessings aufklärerischer Geniestreich vom weisen Juden Nathan bedarf wohl kaum der Erklärung. Zu bekannt scheint das noch hochaktuelle Drama des  gebürtigen Kamenzers, in dem sich die drei Weltreligionen am Ende als verwandtschaftliche Verbindung zu Gott entpuppen.

Es erscheint nur konsequent, dieses Stück an einem sinnträchtigen Ort wie der Lutherkirche in Radebeul zu inszenieren. Die Schauspieler, allesamt am Rande der Bühne platziert, betreten diese im Wechsel und rackern sich an den bedeutungsschweren Dialogen ab. Alles bleibt auf den Text konzentriert, wobei die Kirche zwar das übergeordnete Bühnenbild formt, als sakraler Raum jedoch weitgehend ungenutzt bleibt.

Während die Religionen sich wortgewaltig aneinander messen, wirkt die eingewobene Kammermusik – gespielt von einem Trio aus Jud, Christ und Muselmann (André Obermüller, Gennadiy Nepomnyashchiy und Amir Kalhor) – wie ein versöhnlicher Lufthauch, eine Brise in der heißen Wüste, die das Geschehen wohlwollend begleitet. So lebt Retzlaffs Inszenierung vor allem von diesem musikalischen Kunstgriff und der beachtenswerten Leistung der Darsteller, allen voran Franziska Hoffmann (Recha) und Marc Schützenhofer (Tempelherr) sowie Matthias Henkel (Nathan).

Am Ende der Auflösungsszene sind die Kirchenbänke dann schließlich so unbequem wie die Inszenierung selbst – Lessing wird so jedoch zu einem ganzheitlichen Theatererlebnis der Gegenwart.

Meißen, ev. Kirche: am 21. Januar um 19 Uhr.

Zum Foto: Nathan (Matthias Henkel) sorgt sich um seine Tochter Recha (Franziska Hoffmann).
Foto: PR/Martin Krok


Schnittige Geldreise ins Höllenfeuer

Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“ am Kleinen Haus Dresden

Von Andreas Herrmann

Nobeldramatin Jelinek ist an Sachsens Theatern keine gute Bekannte. Der Bürgerchor am Staatsschauspiel holt sie gekonnt zurück ins Bewusstsein.

Mit 16 reifen Laien und einer jungen Gastdarstellerin wird das jüngste Werk der zornigen Wiener Weltverbesserin auf die Bühne gebracht – als fast durchgängig lupenreines Chorwerk. Die neunzigminütige Kurzversion des arteigenen Beitrags zur Empörungsdebatte (Dramaturgie: Julia Weinreich), per Untertitel als Wirtschaftskomödie getarnt und derzeit oft, überall und gern richtig lang gespielt, hat in Dresden eine eigene Note. Denn Volker Löschs Ex-Bürgerchorleiter Bernd Freytag macht mit seinen treuen Gefolgsleuten, also der per Verein innerhalb der Dresdner Bürgerbühne am Kleinen Haus fortgesetzten Tradition, daraus eine facettenreiche und logische Prozession ins Höllenfeuer. Nebenher werden die typischen Sprechblasen volkswirtschaftlich schädlicher Branchenvertreter, vornehmlich aus Banken- und Versicherungswesen, vorgeführt und überspitzt ins Absurde gedreht als Nonsens entlarvt.

Freytag findet für das rollenlose Textkonstrukt, welches mit dem steten Tausch der Perspektive spielt und auch dem Kapital eine Stimme verleiht, eine funktionierende Darstellung, die Hochachtung gebietet. Denn einzig Stella Maxeiner als Engel ist Schauspielprofi – und führt das Ensemble mit Eleganz in Stimme und Bewegung als willfährige Prozession in den leuchtenden Finanzsarg. Es wartet eine Flut von herrlich morbiden Bildern und klugen Sentenzen.

Kleines Haus 2 Dresden: 19. Oktober, 19.30 Uhr.

Zum Foto: Der Engel (Stella Maxeiner) führt die geldgeile Bagage des Bürgerchores ins höllische Freudenfeuer.
Foto: PR/Matthias Horn


Ein Arschtritt als Dankeschön

Lutz Hübners zynischer Blick auf eine eisige Arbeitswelt: „Die Firma dankt“

Von Anne Gerber

Das Einmaleins des Arbeitslebens: innovativ, dynamisch, Ellbogen ausgefahren – so geht es immer weiter nach oben auf der rutschigen Karriereleiter.

Abteilungsleiter Krusenstern (überragend: Philipp Lux) hatte Glück: Als einziger seines Teams wurde er vom neuen Chef übernommen, sogar in ein Landhaus zum Ausruhen und Kennenlernen der neuen Kollegen eingeladen. Doch das Domizil ist alles andere als gemütlich: Gläserne Wände, imaginäre Aufzüge und fadenkreuzartig aufleuchtende Neonlinien (Bühne: Aurel Lenfert) erinnern an ein Bürogebäude mit Big-Brother-Charme. Tatsächlich gibt man sich nicht nur provokativ ungezwungen – beim gemeinsamen Saunabesuch mit Assistentin und Chef –, sondern wird auf Schritt und Tritt via Kamera und Diktiergerät festgehalten. Ein nervenaufreibendes Bewährungsspiel beginnt für den Angestellten der „alten Schule“, der in der aalglatten Sunny-Boy-Runde zwischen Hilflosigkeit und zähem Selbstbehauptungswillen ans Ende seiner Kräfte gelangt.

Wie bei seinem Erfolgsstück „Frau Müller muss weg“ setzt Hübner auf überraschende Wendungen bei seinen scheinbar durchschaubaren Figuren und absehbaren Situationen. Keimt da Schwäche auf? Oder Mitgefühl? Oder ist sich jeder selbst der Nächste? Hübner zeichnet keine platte Kopie, keine simple polemische Anklage einer entmenschlichten Arbeitswelt. Er übersteigert ins Groteske und malt einen unwirklichen komisch-brutalen Alptraum.

Regisseurin Susanne Lietzow setzt die skurrilen Momente, in denen die eiskalte Personaltrainerin (gewohnt überzeugend und vielseitig: Christine Hoppe) im Bananendress herumspringt oder Krusenstern vom Sofa verschlungen wird und als Kasperpuppe weiterplärrt, konsequent überzogen in Szene. Auch wenn sie sich auf dem schmalen Grat zum Slapstick bewegt, erhält sie dem Stück den tiefen Ernst. Und der ist schmerzhaft realitätsnah.

Kleines Haus Dresden: 21. Oktober, 11. November & 31. Dezember, jeweils 19.30 Uhr.

Zum Foto: Ina Piontek (Mayumi Selo, Assistentin der neuen Leitung), Thomas Eisen (John Hansen, Personalchef), Philipp Lux (Adam Krusenstern, Leitender Angestellter) und Christine Hoppe (Ella Goldmann, Personaltrainerin, v.l.).
Foto: PR/David Baltzer


Märchenhaft ironisch

Stijn Celis liefert die Choreografie zum Klassiker „Cinderella“ in der Semperoper

Von Isabelle Starruß

Der Belgier Stijn Celis inszeniert eine inhaltlich und choreografisch moderne Ballett-Version des variantenreichen Märchens.

In der neuen Spielstätte der Semperoper Junge Szene wird auf opulente Bühnendekoration verzichtet. Stattdessen wirken Mimik und Gestik der Ballett-Tänzer, die mit vollem Körpereinsatz die Geschichte eines jungen Mädchens erzählen.

Nachdem ihre Mutter gestorben und des Vaters neue Frau mit ihren beiden Töchtern im Haus eingezogen ist, beginnt die Unterdrückung von Cinderella (zuckersüß gespielt von Sarah Hay), die in Erinnerungen flüchtet. Als der Ball naht, auf dem der Prinz (tänzerisch fabelhaft: Fabien Voranger) seine Frau wählen möchte, buhlen die beiden hässlichen Stiefschwestern (grandios: Raphaël Coumes-Marquet und Michael Tucker) um des Prinzen Gunst und untersagen Cinderella ein Erscheinen. Als Cinderella jedoch auf wundersame Weise ein Kleid erhält und auf dem Ball auftaucht, hat der Prinz nur Augen für sie – bis sie fluchtartig wegrennt. Prompt scharen sich die vier obskuren Hofdamen um den Prinzen – ohne Erfolg. Er sucht mit dem verlorenen Schuh nach Cinderella. Die Stiefschwestern wittern ihre Chance, doch am Ende findet der Prinz sein Glück.

„Cinderella“ ist ein kurzweiliges einstündiges Ballett, das besonders von Witz und Kreativität geprägt ist. Eine bessere und zugleich ironischere Besetzung für die Rollen der hässlichen Stiefschwestern ist nicht möglich. Die beiden großfüßigen Männer mit Dutt auf dem Kopf sind im schlüpferfarbenen Kleid samt passender Unterhose an Uneleganz nicht zu überbieten. Schade, dass auch einige Posen der eigentlich grazilen Cinderella ähnlich unelegant sind.

Semperoper Dresden, Semper 2: Die Inszenierung läuft erst wieder im Mai 2012.

Zum Foto: Keine Chance für die Liebe: Eine der hässlichen Stiefschwestern (Jon Vallejo).
Foto: PR/Costin Radu


Beinahe zweidimensional

Stringente Bohème-Inszenierung in den Landesbühnen Radebeul

Von Volker Tzschucke

Klein und fein: Puccinis Bohemians im Radebeuler Gewand.

So eine kleinere Bühne hat schon ihre Vorteile: Die Akteure stehen eng beieinander, der Zuschauerblick kann kaum schweifen und für aufwendige Bühnenbilder ist auch kein Platz. All dies spricht auch für die Inszenierung von Puccinis Oper „La Bohème“.

Der für die Inszenierung verantwortliche Horst Otto Kupich setzt – gemeinsam mit der studentischen Bühnenbildnerin Lena Heeschen – auf Stringenz und Klarheit: Das erste und vierte Bild in der Künstlerwohnung wirkt beinahe zweidimensional, so eng wird der Raum für die Akteure. Vorweihnachtlichkeit wird durch Lichterketten und Nikolausmützen (Kostüme: Anne-Kathrin Schaper-Jesussek, ebenfalls Studentin) angezeigt, ein Eingang zum Cabaret durch eine entsprechende Leuchtreklame markiert. Ohne Riesen-Trara trägt das Bühnenbild in die Handlung im Pariser Künstlermilieu. Was sich dort abspielt, ist bekannt: Die Bohèmians nagen am Hungertuch, haben aber trotzdem Spaß am Leben. Mimi wird Muse Rodolfos, der sich aber von ihr lossagt, weil er mit ihrer Krankheit nicht klarkommt – dazwischen toben weitere Damen und Herren herum. Sängerisch hervorstechend sind die Nebenrollen: Iikka Leppänen als Schaunard und Fred Bonitz als Marcel überzeugen. Auch Anna Erxleben als Mimi und Mathias Schulz als Rodolfo singen technisch sauber, doch reicht ihr Volumen nicht ganz, ihre Stimmen klar bis in die letzte Reihe zu tragen. Gleiches gilt fürs Orchester unter Leitung von Michele Carulli. Da ist dann die kleine Bühne einen Hauch zu groß.

Landesbühnen Sachsen (Hauptbühne): 29. Oktober (20 Uhr) & 25. Dezember (19 Uhr).

Zum Foto: Komprimiertes Paris in „La Bohème“.
Foto: PR/Martin Krok


Zwei Supersingles

„Viel Lärm um nichts“ im Dresdner Schauspielhaus

Von Nicole Laube

Liebe Männer, wenn Eure Freundin behauptet, ihr seid ein „Idealzustand aus Fehlern“, dann hat sie wohl bei Shakespeare geguttenbergt. Dass man mit dem nicht falsch liegen kann, weiß auch die Intendanz des Staatsschauspiels. So beschert die Inszenierung „Viel Lärm um nichts“ (in der Fassung von Thomas Birkmeir) einen unbeschwerten Theaterabend voller Shakespear’scher Weisheiten (siehe oben).

Der englische Vorzeigedramat kann schließlich nichts dafür, dass seine Stoffe ewig aktuell sind, erst recht, wenn es sich um zwei eingefleischte Supersingles (grandios: Ahmad Mesgarha als überzeugter Junggeselle und Anna-Katharina Muck als spitzzüngige Jungfer) dreht, die dank einer Intrige ihre Liebe zueinander entdecken. Das alles passiert auf angeschrägter Bühne, vor einer ebenso einfachen wie wirkungsvollen Lamellentürenkonstruktion (Bühne: Christoph Schubinger), aufgepeppt mit Chartschlagern, aber auf mitreißende Art.

Wird dabei auch deutlich, dass die Studenten des Schauspielstudios den altbekannten Dresdner Schauspielstars wie Mesgarha und Tom Quaas längst (noch) nicht das Wasser reichen können, so bleibt die Aufführung dennoch als herzerfrischender Abend voller Lachfältchen in bester Erinnerung. Typisch Shakespeare eben.

Dresdner Schauspielhaus: 15. & 21. Oktober, 3. & 18. November sowie 1. Dezember, jeweils 19.30 Uhr.

Zum Foto: Keine Chance für die Liebe: Ahmad Mesgarha und Anna-Katharina Muck als überzeugte Singles Benedict und Beatrice.
Foto: PR/David Baltzer


Akzentarmer Sieg der weiblichen Liebe

Florentine Kleppers „Die Krönung der Poppea“ an der Dresdner Semperoper

Von Nicole Laube

Unter der Regie Florentine Kleppers gedeiht Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ zu einer Oper der Frauen im Ränkespiel um Liebe und Macht.

Wenn Tugend, Liebe und Schicksal sich darum streiten, wer für das Menschenleben am wichtigsten ist, kann doch eigentlich nur einer siegen: Amor. Erst recht, wenn dieser, wie in Florentine Kleppers Inszenierung von Monteverdis „Die Krönung der Poppea“ an der Semperoper, eine Frau ist, die mittels Leidenschaft kräftig an den Fäden der Macht ruckelt.

Gegen alle Widerstände erobert Poppea mit Amors Hilfe ihren mächtigen Geliebten Nero und steigt mit ihm in die oberste Etage auf dem Karussell der Macht (Bühne: Bastian Trieb) auf. Eindrucksvoll begleitet wird dieser Aufstieg von der Cappella Sagittariana Dresden, einem der Staatskapelle entsprungenen Barockorchester, das Rubén Dubrovsky souverän durch die Partitur führt und dabei spannungsvolle Kontraste zwischen den ruhigen und kraftvollen Passagen in der Musik setzt. Gesanglich brillieren Nicole Heaston (Poppea) und Rebecca Raffell (Arnalta). So bleibt das Stück in jedem Fall als außergewöhnliches Klangerlebnis in Erinnerung, obwohl die ungeheure Aktualität des Stoffes bei Klepper – bewusst, wie sie im Programmheft mitteilt – auf Anspielungen auf die Jetzt-Zeit verzichtet. Es fehlt an Akzentuierungen, dafür wirkt der allzu offensichtlich vorgeführte Kontrast zwischen Diener- und Herrscherschicht eher fade, steigert sich aber immerhin zu einem pompösen venezianischen Finale.

Semperoper Dresden: 15., 22. & 26. Oktober, jeweils 19 Uhr, sowie am 30. Oktober, 18 Uhr.

Zum Foto: Poppea (Nicole Heaston) schafft es mit Amors Hilfe, Nero (Franco Fagioli) und mit ihm die Kaiserkrone zu erobern.
Foto: PR/Matthias Creutziger

Trash trifft Aufklärungstragik

Simon Solberg scheidet mit Lessings „Minna von Barnhelm“ die Geister im Schauspielhaus

Von Susanne Magister

Viel Lessing steckt nicht mehr in der Dresdner „Minna von Barnhelm“.

Was Gotthold Ephraim Lessing als aufklärerisches Lustspiel über veraltete feudalistische Ehrbegriffe, die neue Macht des Kapitals und die List der bedingungslosen Liebe konzipiert hatte, wird bei Simon Solberg – wieder einmal – zu einem Trash-Event mit Zeitreferenzenwust.

Sebastian Wendelin brilliert darin als zerrissener und depressiver Kriegsheimkehrer Major von Tellheim, der in seiner Kammer sitzt und in der Reflexion seiner Schuld weder in den Alltag zurückfindet noch fremde Hilfe annehmen will. In die prekäre Lage hat er sich hier, anders als bei Lessing, selbst katapultiert, was dem Ganzen den Geruch zeitgenössischer Innerlichkeitsversessenheit gibt. Der Wirt (Torsten Ranft), den er sich mit seinem Verlobungsring auszuzahlen verpflichtet fühlt, kommt als devoter und geldgieriger Vertreter der kapitalistischen Wertegesellschaft daher. Seine Verlobte Minna von Barnhelm (Picco von Groote) tritt als starke Frau auf, die an die Liebe glaubt und zugleich realistisch genug ist, zu erkennen, dass sie dafür auch kämpfen muss. Vervollkommnet wird das Ensemble durch die klamaukig-exzentrischen Begleiter Franziska (Cathleen Baumann) und Just (Stefko Hanushevsky). Auf der Bühne (Simeon Meier) schäumt, dampft, brennt es. Eine bühnenfüllende Videoinstallation (Philipp Stangl) drückt immer wieder die Gräuel des Afghanistankrieges in das Publikum. Es darf gelacht werden. Es darf fremdgeschämt werden. Es darf gezittert werden.

Das Ensemble spielt großartig, das Premierenpublikum quittiert es frenetisch. Die Geister scheiden sich als die Macher auf die Bühne kommen – Bravo- und Buhrufe zeigen einmal mehr, dass junges Theater ein zweischneidiges Schwert bleibt. Die Inszenierung ist mutig, berauschend und beängstigend, gerät allerdings auf dem sensiblen Grat zwischen Klamauk und Ernsthaftigkeit öfter ins Schlingern.

Schauspielhaus Dresden: derzeit keine Termine bekannt.

Zum Foto: Permanente Bühnen-Action: Der realitätsverneinende Tellheim (Sebastian Wendelin) trifft auf seine Verlobte Minna (Picco von Groote) und ihre Bedienstete Franziska (Cathleen Baumann).
Foto: PR/Matthias Horn

Furchtbares Leben, furchtbarer Tod

Anton Tschechows Komödie „Die Möwe“ im Schauspielhaus Dresden

Von Matthias Schöne

Ein heißer Sommer in der Provinz. Eine Gruppe Künstler, erfolgreich oder sehnsüchtig danach strebend, kommt zum Urlaub auf einem Gutshof zusammen.

Der arme Lehrer Semjon liebt Mascha, die Tochter des Verwalters. Mascha liebt aber den jungen Schriftsteller Konstantin, der wiederum nur Augen für seine Muse Nina hat. Zögerlich macht dieser seine ersten künstlerischen Gehversuche, die aber von seiner Mutter Irina, einer erfolgreichen Schauspielerin, und ihrem angebeteten Gatten Boris, einem erfolgreichen Schriftsteller, lächerlich gemacht werden.

Doch werden diese kleinen Spielchen um Liebe und Macht unterdrückt, nur kurz brechen die Qualen der verletzten Seelen hervor, schnell versöhnen sich die Protagonisten wegen ihrer Sehnsucht nach Harmonie wieder, zusammen tanzen sie ekstatisch zur Musik. Ein Aufbäumen vor der Leere des Lebens? Jahre später kommen sie wieder zusammen und es zeigen sich die Brüche in den Lebensentwürfen: Flucht in den Wahn, selbstquälerische Reue oder Freitod.

Der Mannheimer Regisseur Burkhard Kosminski inszeniert Tschechows großes Stück als realistische Komödie über die Absurditäten des Lebens, als Drama über verpasste Chancen und über unerfüllte Liebe. Dazu passt die minimalistisch, aber flexibel gestaltete Bühne von Florian Etti. Die Schauspieler, allen voran der junge Benjamin Pauquet als Konstantin, aber auch Matthias Reichwald als Lehrer oder Anja Trautmann als Mascha, spielen frisch und glaubhaft. Diese Leistung wird vom Premierenpublikum mit viel Applaus belohnt.

Staatsschauspiel Dresden: 16. Oktober, um 16 Uhr.


Im Zeltlager der blutrünstigen Fische

Ödon von Horvárths „Jugend ohne Gott“ auf dem Horrortrip im Kleinen Haus Dresden

Von Anne Gerber

Dem Lehrer schwant Übles. „Das Zeitalter der Fische“ prophezeit er angesichts seiner aalglatten, fischig emotionskalten Schüler.

Eigentlich wollte der Lehrer (Henner Momann) seine Klasse doch abgeben, nachdem seine Erklärungsversuche, warum „Juden und Neger“ nicht pauschal dumm und feige seien, mit kollektivem Hohn und Unverständnis abgeschmettert wurden. Stattdessen muss er mit auf Klassenfahrt.

Vielleicht ist den ideologisch verseuchten Zöglingen bei Lagerfeuerromantik doch noch ein wenig Moral einzutrichtern? Fehlanzeige: Der Lehrer mit seinen Werten ist oberpeinlich, der neue Held ist dagegen der einbeinige „Oberfeldwebel Michi“ (Thomas Braungardt), der endlich ein Gemeinschaftsgefühl in der Klasse stiftet – bei so amüsanten Spielen wie „Zigeunerjagd“ und „Beinstumpfschießen“: Seht, Kinder, so spaßig ist der Krieg! Bis ein Junge erschlagen wird und jeder von ihnen der Mörder sein könnte.

Nach den „Nibelungen“ taucht Regisseur Marc Prätsch nun, wiederum mit jugendlichen Laiendarstellern der Bürgerbühne, in die beklemmenden Tiefen von Ödon von Horváths Exilroman „Jugend ohne Gott“ über eine Generation gleichgeschalteter Schüler ein. Denen wird Militarismus als Ersatzreligion schmackhaft gemacht. Dabei fängt Prätschs vielschichtige Inszenierung den mehr surrealen, assoziativen als reportageartigen Grundton des Romans in plötzlichen skurrilen, teils (alb-)traumhaften Szenen ein, die auf dem schmalen Grat des schwarzen Humors schweben, manchmal allerdings zum Klamauk oder aber in platte Klischees kippen. Ebenso zwiespältig sind die Figuren. Der Pfarrer etwa, der über Moral und Kirche spottet, schwankt vom etwas zu kinderlieben Lustmolch zum inneren Schweinehund und damit Alter Ego des zwischen Überzeugung und Opportunismus hinund hergerissenen Lehrers. So weit, so originell.

Doch beim angestrengten Fischen nach Zeitbezügen scheinen zu viele Querverweise im Regienetz hängen geblieben zu sein. So bricht am Ende schlagartig die „Realität“ ins Stück, wenn Darsteller über eigene Erfahrungen mit Rassismus und Identitätsproblemen klagen und auf einmal mit einem Krönchen auf dem Kopf, einem Liedchen auf den Lippen und einer Umarmung alles wieder gut sein soll. Das allerdings wäre ein ganz anderes Stück.

Staatsschauspiel Dresden, Kleines Haus: 14. November, 19.30 Uhr.

Zum Foto: Vorbild „Oberfeldwebel Michi“ (Thomas Braungardt, Mitte)? Auch kriegsversehrt lässt es sich mit ihm bestens feiern.
Foto: PR/David Baltzer


Glück im Unglück

Falladas „Kleiner Mann, was nun?“ im Dresdner Schauspielhaus

Von Susanne Magister

Wenn zwei sich lieben, sind sie bald zu dritt.

Das erfahren der junge Angestellte Johannes Pinneberg (Christian Erdmann) und seine naive Geliebte, die Arbeitertochter Emma Mörschel, genannt „Lämmchen“ (Karina Plachetka), im Vorspiel vor dem Vorhang. In der Inszenierung von Barbara Bürk (Regie) und Julia Weinreich (Dramaturgie) dürfen alle Protagonisten zunächst als Xylophonorchester in die Handlung einführen.

Danach brillieren sie vielgestaltig als Eltern, Chefs, Arbeiter, Angestellte und Wegbegleiter in dem Strudel, der das junge  Liebespaar mit sich fortreißt. Die Zeit ist geprägt von Weltwirtschaftskrise, Inflation, Wohnungsnot und Kündigungsdruck. Pinneberg verliert seine erste Stelle als Buchhalter im Warenlager (mit multifunktional einsetzbarem Fließband, Bühne: Anke Grot). Die werdenden Eltern ziehen nach Berlin, weil seine dort lebende Mutter Mia (großartig hysterisch gegeben von Rosa Enskat) vermeintlich Hilfe verspricht. Im Modekaufhaus muss sich Pinneberg als Verkäufer demütigen lassen, bis ihn die zu erbringende Quote erneut arbeitslos macht. Verzweifelt und gedemütigt reagiert er mit unkontrollierten Ausbrüchen auf seine Umwelt. Letzten Endes rettet ihn nur die Liebe zu seinem unkomplizierten, pragmatischen „Lämmchen“.

Die knapp dreistündige, schauspielerisch starke Aufführung bietetviele Höhen, dazu einige fast klamaukige Szenen wie die im Klub der FKK-Bewegung und der Verkäufertanz im Glitterkostüm (Kostüm: Irène Favre de Lucascaz) und viel in die heutige Wirtschaftssituation Übertragenswertes.

Schauspielhaus Dresden: am 28. Oktober & 25. November, jeweils 19.30 Uhr.

Zum Foto: Johannes Pinneberg (Christian Erdmann) und seiner Frau „Lämmchen“ (Karina Plachetka) bleibt nur der Rückzug in ihr kleines Glück.
Foto: PR/Matthias Horn


Moderne Meerjungfrau

Antonín Dvořáks „Rusalka“ verzaubert an der Dresdner Semperoper

Von Nicole Laube

Die tschechische Version des dänischen Märchens von der „Kleinen Meerjungfrau“ macht in der Inszenierung des Norwegers Stefan Herheim Lust auf mehr.

Antonín Dvořáks „Rusalka“ ist ein Opernerlebnis, wie man es in Dresden lange nicht gesehen hat. Regisseur Stefan Herheim setzt dabei gar nicht erst auf Minimaltheater, sondern schöpft aus dem vollen Kessel der Illusionskraft – und verzaubert so sein Publikum.

Der Vorhang hebt sich und offenbart eine Stadt vor den Augen der Zuschauer. Aufgeregt huschen Menschen hin und her. Die Abläufe wiederholen sich. Es scheint zunächst wie eine Ouvertüre ohne Musik, aber dennoch fesselnd. Wen stört es bei einem so atemberaubenden Bühnenbild (Heike Scheele) schon, dass Herheim die Handlung von der „Kleinen Meerjungfrau“ hier buchstäblich spiegelverkehrt aufrollt? In diesem imposanten Opernmärchen ist alles möglich: Da wird die Nixe kurzzeitig zur verführenden Hure, der Ozean zur Großstadtkulisse und der Akzent von der Meerjungfrau auf den Wassermann verlagert – während auf der Bühne alle Bewegungen, selbst die der Häuser, exakt auf den Takt von Dvořáks fließenden Melodiebögen abgestimmt sind.

Scheint Tatiana Monogarova in der Partie Rusalkas stimmlich zunächst noch verlegen, so steigert sie sich bis zum letzten Akt zu Höchstleistungen. Eine brillante Staatskapelle unter der Leitung von Tomáš Netopil und der nicht nur musikalisch, sondern auch darstellerisch überzeugende Chor, geführt von Pablo Assante, runden das Ganze zu einem Abend erster Güte ab.

Semperoper Dresden: 3. November (19 Uhr) sowie 8., 11. & 20. November, jeweils 19.30 Uhr.

Zum Foto: Rusalka (Tatiana Monogarova) verführt in der Dresdner Semperoper als Hure und als Meerjungfrau.
Foto: PR/Matthias Creutziger


Was vom Turm übrig blieb

Uwe Tellkamps Roman im Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt

Zum Interview mit Wolfgang Engel…

Von Anne Gerber

Auch ohne Uwe Tellkamps 1 000 Seiten gelesen zu haben, ist die Handlung des „Turms“ zu durchschauen.

Das mag daran liegen, dass der Bestseller weniger auf aktionsgeladene Spannungsbögen setzt, sondern seine Faszination aus ausschweifenden Gedankengängen, Erläuterungen und Reflexionen schöpft. Damit ist er allerdings doppelt ungeeignet für das spielfreudige Genre Theater.

So hat Regisseur Wolfgang Engel keine Nacherzählung im Sinn, versenkt das Stück nicht in DDR und Dresdensentimentalität, sondern konzentriert sich auf den psychischen Kern, wenn zum Geburtstag des angesehen Chirurgen Richard Hoffmann (souverän in seiner Ratlosigkeit: Holger Hübner) Intellektuelle, Parteigenossen und Systemkritiker im „Turm“ aufeinandertreffen. In einem fragilen, von allen Seiten einsehbaren Gerüstbau (so schlichtes wie wirkungsvolles Bühnenbild: Olaf Altmann) leuchten die Illusionen, Hoffnungen, Ängste und Ausbruchsversuche der Protagonisten auf, schwankend bei der Gewissensfrage: einrichten oder aufbegehren? Inhaltlich werden sie nur lose durch die Entwicklung des Sohnes Christian (überzeugend natürlich: Benjamin Pauquet)  zusammengehalten, dessen überschäumende Energien und Pläne im Drill der NVA resigniert enden.

In ihrem Ausbruchs- und Tatendrang gehemmt wirken auch die Darsteller in Engels Inszenierung. In den wenigen Spielszenen baut die hervorragende Besetzung einen Sog auf, der die Stimmung erahnen lässt, die den Roman ausmacht. Doch zu oft beschränkt  Engel sie auf ein statisches Deklamieren, lässt sie erzählen statt darstellen. So sind die existenziellen Gedanken zwar nachzuvollziehen, die allgegenwärtigen Konflikte, weitreichender als die im Untertitel angekündigte „Geschichte aus einem versunkenen Land“, leuchten ein, doch sie berühren nicht.

Staatsschauspiel Dresden: 4. November, um 19 Uhr.

Zum Foto: Der Turm und seine Bewohner (Ensemble).
Foto: Matthias Horn


Vom Ursprung des Lorbeersymbols

Richard Strauss‘ „Daphne“ als Widerstandskämpferin in der Semperoper

Von Susanne Magister

Wer sich der vorherrschenden Macht widersetzt, droht unterzugehen, wird dabei aber sein Gesicht wahren.

Die Nymphe Daphne weigert sich, dem Festgelage ihres Vaters Peneios beizuwohnen, weil sie sich vor der Zerstörungswut der Menschen fürchtet.

In der Dresdner Inszenierung von Torsten Fischer tritt die gesangsstarke Daphne (Camilla Nylund) als Sophie Scholl auf. Auch sonst hat Fischer dem lahmen Libretto von Joseph Gregor einiges an Spannung entgegenzusetzen. Nachdem Daphne nämlich den drängenden Jugendfreund Leukippos (Ladislav Elgr) abgewiesen hat, tritt der Gott Apollo (Robert Dean Smith) in Naziuniform auf die Treppenbühne, um seine Besitzansprüche auf Daphne deutlichzumachen.

Das Verwirrspiel zwischen Verführung und träumerischer Naturflucht, in dem sich die Parallelen zwischen der antiken Nymphe Daphne und der 1943 von den Nazis hingerichteten Sophie Scholl finden, steigert die Spannung der mutigen Inszenierung. Unter der musikalischen Leitung des Dirigenten Omer Meir Wellber konzertiert sich die Sächsische Staatskapelle einfühlsam durch die emotionsgeladene Strauss’sche Tragödie. In dem grandiosen Bühnenbild aus Riesenmond, Spiegelillusion und Freitreppe (Herbert Schäfer) werden die Gäste samt Gastgeberpaar Peneios (Georg Zeppenfeld) und Gaea (Christa Mayer) zum wütenden Mob und schließlich von Nazischergen deportiert. Nachdem Apollo seinen Nebenbuhler Leukippos ermordet und Daphne ihre indirekte Schuld erkannt hat, verwandelt sie sich nicht in Lorbeer, sondern vereint sich mit den Getöteten zu einem menschlichen Baum. Das bleibt als starkes Bild in einer starken Inszenierung eines ansonsten etwas faden Stückes.

Semperoper Dresden: Keine Vorstellungen mehr in der aktuellen Saison.

Zum Foto: Daphne (Camilla Nylund) und Apollo (Robert Dean Smith).
Foto: PR/Matthias Creutziger

Biedermann auf Spitze

Tschaikowskys Ballettklassiker „Schwanensee“ ganz klassisch in der Semperoper

Von Anne Gerber

„Babe, you will have to earn my love, oh yeah, that’s how it’s got to be“, schlängelt der Jeanette Biedermanns – die Älteren werden sich erinnern – Ohrwurm durch den Kopf.
Und eine Gänsehaut kriecht über die Arme ins schwelgende Herz. Doch auch ohne (oder trotz) poppigem Wiedererkennungswert sind die unsterblichen Melodien und der Anblick der zwei Dutzend Schwanenmädchen im weißen Tutu Balsam auf gestresste Seelen, denn Geistesverrenkungen verlangt die Handlung nicht.

Francine Watson Coleman (Mis en scène) hält sich treu an die ursprüngliche Geschichte der verzauberten Schwanenprinzessin Odette, die durch Siegfrieds Liebe von dem Fluch des bösen Rotbart erlöst wird. Ein hindernis- und probenreicher Weg für den Prinzen, den Choreograph Aaron S. Watkin in strenger Anlehnung an die Großmeister des klassischen Balletts, Petipa und Iwanow, inszeniert. Das bedeutet neben perfekter Synchronie und technisch höchst präzisem Spitzentanz auch, dass die Dresdner Company ausreichend Gelegenheit bekommt, ihr Können in zahlreichen Solo- und Halbsolonummern zu präsentieren.

Wer kein Faible für perfekte Fuß- und Fingerhaltung mitbringt, dem mögen die handlungsarmen Ballszenen langatmig werden, allerdings wird er durch den legendären weißen Akt der Schwäne für schleppende Passagen entschädigt. Also zurücklehnen, Augen und Ohren öffnen, die Gedanken auf Traumreise schicken und den uralten Kampf zwischen Gut und Böse genießen, bei dem natürlich die Liebe triumphiert.

Semperoper Dresden: 21. Oktober (19 Uhr, ausverkauft) & 23. Oktober (16 Uhr).

Zu den Fotos:
Foto 1: Die Schwanenmädchen am Seeufer (gotisch-romantisches Bühnenbild: Arne Walther).
Foto 2: Flüchtiges Liebesglück zwischen Schwanenprinzessin Odette (Elena Vostrotina) und dem Prinzen (Vladimir Shishov).

Fotos: PR/Costin Radu

„Katz und Maus“-Spiel mit den Nazis

Im Dresdner Schauspielhaus entscheidet Schauspieltalent über „Sein oder Nichtsein“

Von Susanne Magister

Über den Nationalsozialismus darf man keine Witze reißen, sagen die einen. Man kann nur ernst nehmen, worüber man auch lachen kann, die anderen.

Als Ernst Lubitschs Film „To Be or Not to Be“ 1942 in den USA Premiere feierte, dachte er wohl eher an letzteres. Als Nick Whitby über 60 Jahre später daraus eine Theaterkomödie schuf, war zumindest in Deutschland die Satirediskussion zum Nazithema in allen Facetten geführt worden.

Kaum zu glauben also, dass es möglich sein sollte, ein stimmiges Stück dazu auf die Bühne zu bringen, bei dem man über die Nazis lachen kann, ohne sich dabei blöd vorzukommen.

Grandios gelingt dies bei der Inszenierung im Dresdner Schauspielhaus unter der Regie von Thomas Birkmeir. Auf einer Drehbühne mit viel Liebe zum Detail (Jörg Kiefel) befinden wir uns zunächst auf einer Warschauer Theaterbühne, auf der die Politkomödie „Gestapo“ gegeben werden soll, dann aber durch ein Verbot doch der „Hamlet“ zur Aufführung kommen muss.

Das freut zwar den egozentrischen Schauspieler Josef Tura (Ahmad Mesgarha), nicht aber das restliche Ensemble. Während seine Frau Maria Tura (Anna-Katharina Muck) eine Vierteldrehung weiter in der Garderobe ein Stelldichein mit dem Flieger Sobinsky (Sascha Göpel) abhält, spitzt sich die Lage „draußen“ derart zu, bis ebenjene für das Stück bereits passend ausstaffierte Theaterbühne zur Gestapo-Zentrale umfunktioniert wird, auf der die echten Nazis ausgetrickst werden sollen. Die Schauspieler spielen um ihr Leben.

In dem durchweg von brillanter Schauspielkunst getragenen Stück kommt man nicht umhin, mitzufiebern, mitzulachen, in der Ehekrise Partei zu ergreifen und letztlich die grandios gegebenen Nazitölpel Erhard (Albrecht Goette) und Schulz (Henner Momann) ebenso mitleidig zu verachten.

Schauspielhaus Dresden: am 27. Oktober & 30. Dezember, jeweils 19.30 Uhr.

Zum Foto: Die geschauspielerten Darsteller (Thomas Braungardt, Ahmad Mesgarha, Sascha Göpel, Günter Kurze, v. l.) müssen in einem grandiosen Verwirrspiel um ihr Leben spielen.
Foto: PR/HL Böhme


Gestörter Kontakt

Kubes „Die Ente bleibt draußen!“ in Freiberg

Von Sarah Richter

Das Ei ist hart. Der eine bricht bei diesem Satz in schallendes Gelächter aus, der andere weiß damit rein gar nichts anzufangen oder wundert sich nur.

Vicco von Bülows alias Loriots speziellen Humor muss man mögen. Aber wer sich auf den Spießbürger-Ironie-Spaß einlässt, dem steht im Mittelsächsischen Theater Freiberg und Döbeln ein unterhaltsamer Abend bevor. „Die Ente bleibt draußen!“ heißt die von Gast-Regisseur Peter Kube aus Dresden betitelte Szenensammlung. Schön, wie die Inszenierung Video und Schauspiel mixt. Klassiker wie „Liebe im Büro“, das besagte „Ei“ und das „Jodel-Diplom“ wechseln sich mit kurzen Filmsequenzen eines abgedrehten Kochstudios, Sprachlehrvideos und einer verqueren Nachrichtensendung in raschem Tempo ab. Natürlich ist es kein Leichtes, den Figuren, die man unweigerlich mit von Bülow selbst samt seiner jahrelangen Spielpartnerin Evelyn Hamann verbindet, ein neues Gesicht zu geben. Doch dem Quartett aus Maren Borrmann, Andreas Pannach, Michael Berger und Friedrich Haug gelingt dies doch ausgesprochen gut. Und auch Loriots humoristische Alltagseindrücke rund um die Stolper-Kommunikation zwischen Mann und Frau gehören zu der Überschrift „Deutsche Geschichte“, unter die das Mittelsächsische Theater seine Spielzeit in dieser Saison gestellt hat. Dass es dazu auch mal Künstler wie Kube vom Theaterkahn der Landeshauptstadt ans Ruder lässt, umso besser.

Freiberg BiB: 26. November, 19.30 Uhr.
Döbeln TiB: am 25. Dezember, 19.30 Uhr.

Zum Foto: Loriots „Liebe im Büro“ bringt Maren Borrmann und Michael Berger in eine missliche Lage.
Foto: PR/Detlev Müller


Wer braucht schon Schwäne?

Der „King of Pop“ lebt und tanzt zu Tschaikowski in Radebeul

Von Janine Kallenbach

Ein kleines Mädchen hüpft auf dem Schulhof im Kreis und lässt sich grazil zu Boden fallen. Sie ist der sterbende Schwan. Zwanzig Jahre später sieht das Mädchen von einst zum ersten Mal „Schwanensee“ auf der Bühne. Einen „Schwanensee“ ohne Schwäne. Doch wer braucht Schwäne, wenn der Prinz Michael Jackson (Norbert Kegel) ist?

Der Prinz ist gefangen in seinem eigenen Reich. Jeder Hauch von Normalität unterdrückt sein Manager Rotbart (Patrick Finger), der von seinem Ruhm lebt. Einzig in seinen Träumen am Schwanensee ist der Prinz frei und findet eine ihm gleichgestellte Partnerin – Odette (Beate Arndt). Um seinen Star bei Laune zu halten, erkauft sich Rotbart die Gunst der Tänzerin Odile. Und wirklich glaubt der Prinz in Odile seine Odette wieder zu erkennen. Seine Kreativität kehrt zurück, doch nur solange bis Rotbart ihn auf den Boden der Realität zurückholt.

Die Inszenierung von Reiner Feistel mag eine gewagte, aber überaus gelungene sein. Norbert Kegel fesselt, fasziniert und berührt. Er ist Michael Jackson in all seinen Bewegungen, ohne diese zu überziehen. Er sprüht vor Agilität, Temperament und grenzenloser Energie, wenn der Prinz tanzt. Aber er ist auch die gepeinigte Seele, die vor Stumpfsinn erstarrt ist und sich mit aller Kraft an den Traum „Odette“ klammert. Tschaikowskis Musik scheint nie für eine andere Interpretation als die von Feistel gedacht gewesen zu sein. Sie passt perfekt zu diesem Wechselbad der Gefühle. Und niemand vermisst die Schwäne.

Landesbühnen Sachsen in Radebeul: Die Inszenierung läuft erst wieder im März 2012.

Zum Foto: Der Prinz (Norbert Kegel) und Odette (Beate Arndt) vom Schwanensee-Ballett, das von Reiner Feistel inszeniert wird.
Foto: PR Landesbühnen Sachsen, Radebeul

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