Vom (un)politischen Fußball
Die Fußball-EM 2012 sorgt nicht nur für ausgelassene Stimmung, sondern auch für politische Kontroversen.
Die Flaggen, Blumenketten und Autospiegelschoner in allen möglichen Landesfarben sind wieder da. Das lang ersehnte Sommermärchen liegt in der Luft. Die Fußball-Europameisterschaft, dieses Jahr von Polen und der Ukraine ausgerichtet, erweckt die deutschen Lebensgeister und sorgt für ausgelassene Stimmung, besonders unter den Studenten.
Kritik an der Ukraine
Während die einen dem sportlichen Ehrgeiz frönen, betrachten andere die diesjährigen Spiele aber durchaus kritisch. „Besonders in Anbetracht des angestrebten Beitritts der Ukraine zur Europäischen Union sollte die europaweite Aufmerksamkeit für Kritik an den politischen Missständen im Land genutzt werden“, sagt Eva Gößwein, Politikstudentin im zweiten Semester an der Technischen Universität Dresden. Die UEFA verspricht ein Spektakel der ersten Liga: sportlich, spaßig und bitte möglichst unpolitisch. Doch zu eng ist das Sportereignis an das Schicksal der ukrainischen Oppositionsführerin Julija Timoschenko geknüpft, die sich seit Oktober in Haft befindet. Der Politikerin werden Amtsmissbrauch und nicht zuletzt Mord vorgeworfen. Experten sehen politische Motive hinter den Anklagen. Timoschenko hatte zusammen mit Viktor Juschtschenko, als Mitbegründerin der orangen Revolution im Jahre 2004, die Machtergreifung des heutigen Präsidenten Viktor Janukowitsch verhindert. Dieser scheint sich seiner Rivalin jetzt per Rechtsverfahren entledigen zu wollen.
Die EU-Kommission kündigte unlängst einen Boykott an, um gegen Timoschenkos Haftbedingungen zu protestieren. Europäische Spitzenpolitiker, darunter Joachim Gauck und François Hollande, bleiben den Spielen in der Ukraine fern. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel entscheidet kurz vorher über ihr Erscheinen.
Doch wie sinnvoll und vor allem hilfreich ist ein solcher Boykott? Inwiefern schadet er der ukrainischen Regierung, inwiefern der Bevölkerung? Erst vor kurzem sprach sich Timoschenko gegen einen EM-Boykott aus, sie halte diesen für eine „schlechte Idee“. In der Tat kann man sich bei den Boykott-Befürwortern des Eindrucks nicht erwehren, es ginge weniger um aufrichtige Empörung über Menschenrechtsverletzungen als um die eigene Imagepflege. Auch unter den deutschen Studenten macht die politische Diskussion die Runde: „Einen Boykott halte ich nicht für sinnvoll, da das eine Ebene ist, die weder Europa noch die Ukraine voranbringt. Stattdessen sollte es einen runden Tisch geben, an dem die Diskussion ausgetragen werden kann“, sagt Eva Gößwein.
Öffentliche Aufmerksamkeit nutzen
Neben ukrainischer Politprominenz wie Vitali Klitschko spricht sich auch Amnesty International gegen einen Boykott aus. Die Menschenrechtsorganisation fordert dort anreisende Fans auf, die öffentliche Aufmerksamkeit für deutliche Kritik zu nutzen und das Augenmerk auf die allgemeine politische Unterdrückung, nicht nur auf Timoschenkos Haft, zu lenken. Die Ablehnung eines Boykotts ist aber nicht direkt gleichbedeutend mit neutralem Sport, so wie ihn das UEFA-Kommitee fordert. „Sportliche Großveranstaltungen können in Ländern mit schlechter Menschenrechtsbilanz nicht unpolitisch sein“, betont der deutsche Amnesty-International-Generalsekretär Wolfgang Grenz.
Aber wer denkt bei Bratwurst und Rudelgucken auf Riesenleinwänden schon über Menschenrechtsverletzungen nach? Ganz in der Tradition des Eurovision Song Contest in Aserbaidschan wird sich die ukrainische Regierung mit den gelungenen Spielen und der Begeisterung der Fans brüsten. Ganz auf den fairen, sportlichen Wettkampf konzentriert. So, wie die UEFA sich das wünscht.
Zum Foto: Eva Gößwein studiert Politikwissenschaften an der TU Dresden und sieht die Europameisterschaft ambivalent.
Foto: Amac Garbe

27. Juni 2012 at 13:26
EM-Spiele sind so politisch belagert wie noch nie. Auf der einen Seite ist das Thema der Ukraine diskutiert, wie das schon im Artikel angesprochen wurde. Auf der anderen Seite sorgte das EM-Spiel Deutschland gegen Griechenland um besondere Spannung auf der politischen Szene.