Zwei bis sieben Prozent aller Internetnutzer neigen zur Abhängigkeit – auch Studenten
Von Anja Hilliger
Im Zeitalter sozialer Netzwerke und von Videoportalen sind Onlinemedien nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Das birgt nicht nur Vorteile.
Schnell mal E-Mails checken, auf der Homepage der Lokalzeitung schauen, was es in der Heimatstadt Neues gibt, oder im Blog lesen, was demnächst in der Lieblingsfernsehserie passiert. Diese Dinge sind für viele Studenten Routine. Was aber ist, wenn das Internet plötzlich nicht mehr in das Leben, sondern das Leben in das Internet integriert wird?
„Ich dachte immer, ich könnte jederzeit aufhören mit Spielen und anfangen zu studieren“, erzählt Robert Wassermann, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte. Der 24-jährige Physikstudent ist onlinesüchtig. Eine aktuelle Studie der Universitäten Lübeck und Greifswald zeigt, dass etwa 560 000 Deutsche zwanghaft ins Internet gehen und 2,5 Millionen weitere einen problematischen Umgang mit dem Internet zeigen. Von Ärzten und Therapeuten wird diese Störung als „Pathologischer PC- und Internetgebrauch“ bezeichnet. Eine psychische Klassifizierung oder staatliche Anerkennung der Onlinesucht gibt es bisher aber nicht. Auch weil die Angaben zur Häufigkeit schwanken. „Das ist durch Stichproben, unterschiedliche Altersstufen und den unterschiedlichen Voraussetzungen der Internetnutzung zu erklären“, veranschaulicht Diplompsychologin Anja Kräplin von der Professur für Suchtforschung der TU Dresden das Problem. Außerdem werden in den Studien unterschiedliche, nicht vergleichbare Messinstrumente eingesetzt.
Weder für die TU Dresden noch für Sachsen gibt es bisher Studien zur Störungshäufigkeit von Onlinesucht. Es gibt sie laut Kräplin aber – nicht nur bei Einzelfällen. „Die Grenze zwischen Onlinesucht und keiner Onlinesucht ist einfach“, erklärt Wassermann. „Kontrollverlust. Werden andere Sachen vernachlässigt und hat man die Kontrolle über die Zeit, die man im Internet verbringt, verloren, ist man mehr als gefährdet.“ Er selbst hatte alle Kontakte abgebrochen. „Ich habe keine Briefe mehr geöffnet, keine E-Mails mehr gelesen, nicht mehr telefoniert. Zur Uni bin ich kaum gegangen.“ Seine Eltern begannen sich Sorgen zu machen, weil sie ihn nicht erreichten. „Als sie mich daraufhin besuchten, konnte ich es nicht mehr verheimlichen.“ Wassermann begab sich in Therapie. Über die psychosoziale Beratungsstelle der TU Dresden wurde er an die gemeindenahe sozialpsychiatrische Versorgung in Dresden (Gesop) weitergeleitet. Das ist ein Jahr her. Nach einer Einzeltherapie geht der Physikstudent nun wöchentlich zu einer Selbsthilfegruppe. Katrin Wolff, Sozialpädagogin und Suchttherapeutin der Gesop, bescheinigt: „Insbesondere Studenten suchen immer wieder aufgrund ihrer Online-Problematik Beratung und Hilfe bei uns.“ Wassermann geht es derzeit gut, auch wenn er Angst hat, rückfällig zu werden. „Pläne für andere Dinge im Leben sind wichtig. Und Organisation.“ Er warnt vor Bagatellisierung. „Jeder sollte sein Verhalten im Internet beobachten.“
Im Sommersemester wird vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden ein Seminar zum Thema „Pathologisches Glücksspielen und andere exzessive Verhaltensweisen“ angeboten.
Netzinfos: www.enter-dein-leben.de; www.klicksafe.de
Zum Foto: Internetsüchtige finden Hilfe – auch im Internet.
Foto: Amac Garbe