Friedlich, vereint und gegen Rechts: So zeigte sich Dresden 2012

Von Steven Fischer

Zwar marschierten Nazis am 13. Februar durch Dresden, doch am 18. Februar blieben sie der Stadt fern.

Die Stimmung war ausgelassen. Die Sonne schien in die zufriedenen Gesichter, Lachen schallte durch die Straßen. Am 18. Februar fehlte in Dresden nämlich etwas: Nazis! Den Menschen auf dem Schlossplatz war die Freude darüber anzumerken. Zur Kundgebung und dem anschließenden Demonstrationszug kamen laut Polizeiangaben etwa 1 500 Menschen. Ein bisschen mehr hätte er erwartet, sagt Frank Richter. Er ist Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und Moderator der Arbeitsgruppe 13. Februar, die die Veranstaltung auf dem Schlossplatz für die Stadt organisierte. Auch dem Aufruf, mit Kleidungsstücken „Farbe zu bekennen“, folgten nur wenige. Nur vereinzelt erspähte man einen roten Schal oder eine grüne Bommelmütze.

Friedliche Proteste

Mehr Menschen kamen zum zweiten angemeldeten Demonstrationszug, der vom Bündnis Dresden Nazifrei organisiert wurde. DIE LINKE war dabei, vertreten etwa durch Abgeordnete wie Bodo Ramelow (DIE LINKE Thüringen), außerdem die Grüne Jugend und viele aus der Antifa-Bewegung. Vom Hauptbahnhof zogen sie über die Neustadt bis zur Geschäftsstelle des Jugendvereins „Roter Baum“ im Stadtteil Pieschen. Die Polizei sprach von 6 500 Teilnehmern, nach Angaben des Veranstalters waren es 10 000. Dabei wurde die Polizei vereinzelt mit Böllern und Flaschen beworfen. Ansonsten blieb es friedlich.

Auch der 13. Februar war, wenn man auf das krawallige vergangene Jahr blickt, ein Erfolg. Zwar durften laut Angaben der Polizei 1 600 Nazis vom Hauptbahnhof Richtung World Trade Center marschieren, mussten aber aufgrund friedlicher Gegenproteste eine verkürzte Strecke hinnehmen. So wurde die Blockade vom Bündnis Dresden Nazifrei an der Haltestelle Freiberger Straße ein erfolgreiches Unternehmen. Zahlreiche Menschen zog auch die Menschenkette an, die von der AG 13. Februar organisiert wurde. Nach Angaben des Veranstalters kamen 13 000 Menschen dazu zusammen. Polizeipräsident Dieter Kroll zieht ein positives Fazit: „Besonders freut es mich, dass die Proteste gegen den Aufmarsch der Rechtsextremisten allesamt friedlich geblieben sind und sich die Ausschreitungen vom vergangenen Jahr nicht wiederholt haben.“ Die AG 13. Februar, das Bündnis Dresden Nazifrei und der Studentenrat der TU Dresden, der eine Vortragsreihe organisiert hatte, arbeiten noch an einer ausführlichen Bilanz. Auch über Planungen für das nächste Jahr konnte sich noch keiner äußern.

Das Thema Rechtsradikalismus ist jedoch längst nicht ausgestanden. In Dresden konnten die Bürger zwar Erfolge feiern, aber gerade die Debatte über einen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung über den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in Sachsen zeigt, dass das Thema weiterhin präsent bleibt. Die Opposition im Sächsischen Landtag kritisiert, dass die NSU in Sachsen so lange unentdeckt agieren konnte und wirft der Landesregierung vor, die Aufklärung über die Versäumnisse zu verhindern. In seiner Rede am 13. Februar vor dem Rathaus brachte es der Erste Bürgermeister Dresdens, Dirk Hilbert, auf den Punkt: „Wir sind aufgefordert, nicht nur am 13. Februar Farbe zu bekennen, sondern jeden Tag.“

Zu den Fotos:
Foto oben: Fünf nach eins auf dem Dresdner Schlossplatz: Demokraten handverlesen unter sich.
Fotos Mitte/unten: Boxenblockade am Wiener Platz und gute Jenenser Musik (plus schlechte Videos) dank Pfarrer König.
Fotos: Andreas Herrmann



ACHTUNG, MEINUNG!

Erfolg?

Von Andreas Herrmann

2013 wird das Jahr der Entscheidung, wie nazifrei Dresden im Februar wirklich gehalten werden kann. Der zurückliegende 18. Februar macht leichte Hoffnung auf einen schönen Shoppingsamstag mit ein bisschen Fußball.

Knapp mehr als 1 000 Demokraten nutzten das städtische Angebot mit Promi- und Unterhaltungsfaktor, knapp 10 000 Extremisten bevorzugten die fünfstündige Protestwanderung vom Hauptbahnhof nach Pieschen. Nicht nur das Verhältnis, sondern das propagierte Leitmotiv birgt jedoch Zweifel, auch wenn der öffentlich-rechtliche Heimatsender, dessen Mitarbeiter insgeheim gestanden, nur für Krawall gebrieft zu sein, glatt vergaß, das hinreichend kundzutun: mangels Gestriger gegen sächsische Verhältnisse bei der Verfolgung zivilen Ungehorsams antifaschistischer Art zu demonstrieren. Die sogenannte bürgerliche Mitte – meist nicht mehr sozial, sondern nach Wahrnehmung und Bildungsdauer dort verortet – braucht jedoch generell eine neue Leidkultur: dort hingucken und -gehen, wo es weh tut. Also winters auf die Straße und feierabends in die Fläche, in der dank staatlicher und parteilicher Aufgabe die Jugend umgepolt wird. Denn Zivilcourage als jährliches Händchenhalten zu definieren, ist auf Dauer zu bequem. Eine Stigmatisierung der Protestformen verkennt deren Ursachen – wenn zeitgleich kleine Horden durchs ganze Land ziehen, ist Dresden als Symbol zwar bleicher, aber das Problem nicht kleiner. Dass der große braune Spuk mit schlechter Musik für ein Jahr ausgesetzt ward, ist nur ein Etappenerfolg, solange der Sumpf noch lauwarm dampft.

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