Die TU Dresden gibt nach dem Chemiealarm Einblick in ihr Notfallmanagement

Von Katrin Mädler

Zwischen Seminaren, der Mensa und Prüfungen denkt kaum jemand über Brandschutzpläne, Chemieunfälle oder Geiselnahmen nach. Doch wie gut ist die TU Dresden auf derartige Szenarien vorbereitet?

Wer vergangenen Donnerstagabend das Hörsaalzentrum der TU Dresden in der Bergstraße betrat, schaute in ungläubige Gesichter. Nach einem angeblichen Chemieunfall wurden etwa 100 Personen vorsorglich in Krankenhäuser gebracht und Sicherheitskräfte evakuierten das daneben liegende Chemiegebäude vollständig.

Vorsichtshalber evakuieren

Während eines Laborpraktikums hatten mehrere Studenten einen seltsamen Geruch bemerkt und einer klagte über Übelkeit. Vielleicht trat während eines Experiments kurzzeitig Arsen-Wasserstoff in sehr geringen Mengen aus. Mittlerweile konnte aber Entwarnung gegeben werden. Trotzdem haben alle Beteiligten in den Augen von Marko Laske, Pressesprecher der Polizeidirektion Dresden, richtig reagiert: „Die Studenten und Verantwortlichen haben sich absolut korrekt verhalten. Es war in der Tat nicht auszuschließen, dass hier etwas Gravierendes geschehen war.“ Laske sagt, die Einsatzkräfte seien auf die verschiedensten Notsituationen vorbereitet, er sieht aber auch die Unileitung in der Pflicht, Notfallpläne zu entwickeln.

Die ersten Maßnahmen an der TU Dresden leitet gewöhnlich der Sicherheitsdienst ein, der im Gebäude der Technischen Leitzentrale untergebracht ist. Die Leiterin des Büros für Arbeitssicherheit, Dr. Petra Schilling, erklärt: „Nachdem in einer Gefahrensituation Polizei und Feuerwehr informiert sind, müssen die Betroffenen unbedingt dem Sicherheitsdienst der TU in unserer Technischen Leitzentrale Bescheid geben. Der ist rund um die Uhr und an jedem Tag zu erreichen, die Nummer steht auf vielen Plänen: 463 34515.“ Das sei wichtig, damit die zuständigen TU-Mitarbeiter informiert werden und sie die Situation koordinieren können. Der Wehrleiter der Betrieblichen Feuerwehr, Klaus Liebich, ergänzt: „Wir werden als Feuerwehrleute vom Einsatzleiter eingewiesen, wie wir uns zu verhalten haben. Bei dem Giftalarm vorige Woche mussten auch schnell Experten, beispielsweise Professoren, informiert werden, die sagen konnten, wie gefährlich die Stoffe sind, damit man weiß, was zu tun ist.“

Bei Amok im Raum bleiben

Laut Schilling gibt es Rundschreiben für die Universitätsmitarbeiter, die verschiedene Szenarien ansprechen, unter anderem auch Bombendrohungen und Amokläufe. Die zuständigen Mitarbeiter wiederum sind verpflichtet, ihre Studenten einzuweisen. Wichtig ist, sich bei Amokläufen anders zu verhalten als bei den übrigen Notfällen. „Normalerweise ist ein Gebäude im Notfall so schnell wie möglich zu verlassen. Bei einem Amoklauf ist es aber besser, sich in relativ geschützten Räumen zu verbarrikadieren, bis Entwarnung gegeben wird“, rät Schilling mit Nachdruck.

Einen ähnlichen Tipp gibt der Rechts- und Polizeipsychologe Dr. Steffen Dauer, der momentan als Gastdozent am Institut für Klinische Psychologie an der TU Dresden lehrt: „Den Täter zu überwältigen kann ich nicht raten, da man nie genau weiß, welche Waffen er besitzt. Und auf keinen Fall sollten Studenten einen Täter ansprechen, da sie die Motive und Hintergründe nicht abschätzen können. Selbst wenn sie ihn kennen, kann er in einer nicht ansprechbaren Situation sein.“ Vielmehr sei es wichtig, Schutz zu suchen und viele Informationen nach außen dringen zu lassen, beispielsweise über das Handy, um den Spezialkräften ein detailliertes Bild der Situation zu geben. Auch innerhalb des Gebäudes sollten die Betroffenen versuchen, sich bestmöglich untereinander zu informieren.

Um Notfälle besser und schneller koordinieren zu können, arbeitet das Rechenzentrum der TU Dresden momentan an der Installation eines neuen Sicherheitssystems, dem digitalen Alarm- und Kommunikationsserver. Damit können bestimmte Informationen per Telefon an mehrere Personen gleichzeitig gesendet werden. Denn, weiß der Feuerwehrmann Klaus Liebich, der TU-Campus ist weitläufig und einige Gebäude haben eine unübersichtliche Bauweise.

Schilder weisen den Weg

Ein weiteres Problem ist, dass die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) nicht zur TU Dresden gehört, ebenso wie das Dresdner Studentenwerk. Dadurch könnten bei einem Amoklauf einige Bereiche des Campus zu spät informiert werden. Einen letzten wichtigen Tipp gibt Volker Fuhrmann vom Technischen Dienst der SLUB: „Weil in unserem Haus bei einem Alarm große Brandtüren schließen, war manchen Studenten bei den Brandübungen ihr gewohnter Weg aus der Bibliothek versperrt. Sie versuchten dann vergeblich, diese Tore aufzubekommen. Dabei weisen genügend grüne Schilder auf verlässliche Fluchtwege hin. Nach diesen Hinweisschildern sollten die Benutzer schon vorher einmal schauen.“

Zum Foto: Wenn es auf dem Campus zum Notfall kommt, ist ein kühler Kopf und schnelle Hilfe gefragt.
Foto: Amac Garbe


KATASTROPHENFORSCHUNGSINFOS.

  • Hier werden die Experten für künftige Katastrophenhilfsmaßnahmen ausgebildet: Die Hochschule Bremerhaven hat für den Masterstudiengang Sicherheitsmanagement (Integrated Safety and Security Management) ein neues Lage- und Führungszentrum eröffnet, in dem größere Unglücke simuliert werden können. Hier koordinieren Studenten virtuelle Kriseneinsätze.
  • Die Universität Bremen unterhält ein eigenes Institut für Rechtspsychologie. Ein Themenschwerpunkt ist die Polizeipsychologie. Hier lernen Studenten Verhandlungstaktiken mit Geiselnehmern, das Vorbeugen von Attentaten und Bedrohungs- und Gefährdungsanalysen.
  • An der Technischen Universität Darmstadt fand bis 2009 eine psychologische Studie zum Thema Amoklauf statt. Dort führt der ehemalige Studienleiter Dr. Jens Hoffmann nun das Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement. Schwerpunkte sind neben dem Lehrpunkt Bedrohungsmanagement auch Profiling und Fallanalysen.
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