„Essen mit mehr Polen als Görlitz“

Der Europastadt bleibt nach dem Vizekulturtitel nur Hoffnung auf eine grenzenlose Zukunft

Mangels Geld jüngste Geschichte: Das Görlitzer Historienspiel mit bis zu 300 Laiendarstellern und 800 Besuchern pro Tag auf der großen Bühne auf dem historischen Untermarkt wurde nach sechs Jahrgängen beerdigt. 2011 wartet nun normale Sommerbespielung des Musiktheaters per „Weißes Rößl“ im Hof der Kulturbrauerei. Foto: Andreas Herrmann

Von Andreas Herrmann

In Görlitz ticken nicht nur große Uhren anders: Auch manche Dekaden beginnen eher und enden schneller – so wie die „Kulturstadtdekade 2010–2020“.

Diese umfasste nicht nur originellerweise den Zeitraum von elf Jahren, sondern fand schon vor dem Start ihr leises Ende – ohne große Diskussion in Stadt und Presse. Aber konkrete Projekte gab es eh nur zwei: „Da haben uns einfach die Tatsachen eingeholt“, bedauert der Görlitzer Kulturbürgermeister Michael Wieler die Lage am Ende des Jahres, welches für die Stadt in die Historie hätte eingehen können: Die binationale Kommune mit der doppelten Randlage, die sich am Europatag 1998 zur Europastadt proklamierte, wollte kontinentale Kulturhauptstadt werden – so wie Westberlin 1988 und Weimar 1999, als die Bundesrepublik jeweils an der Reihe war. Sie bewarb sich 2001 als allererste, ließ 14 der 16 deutschen Kontrahenten hinter sich und scheiterte erst in Brüssel an Essen, welches für „Ruhr.2010“ schnell noch 52 andere Städte der näheren Umgebung ins Boot holte.
Kleine biografische Ironie dieser Geschichte: Wieler ist in Essen groß geworden und gönnt Stadt und Region natürlich die nachhaltige Mutschöpfung von ganzem Herzen. Und er weiß, dass es nach dem erheblichen Strukturwandel etlichen Kommunen im „Pott“ finanziell nicht viel besser geht als Görlitz.

Stereotypen und Lichtblicke

Er besuchte an der Ruhr 2010 nicht nur die eigene Gastpräsentation von „Hidden Places“ – eine Videokunst-Performance von in Görlitz gedrehten Filmen junger Künstler aus Städten an der Via Regia –, sondern auch die Zeche Zollverein und natürlich jene Atolle, deren Schwesternprojekt per Kunstobjekten die Neiße an jenen vier Orten metaphorisch überspannen sollten, an denen seit 7. Mai 1945 dank schlechter Verlierer immer noch Brücken fehlen. Doch diese Art von Reparation fiel ins Wasser, weil auch von den Ruhr-Atollen nur vier statt 20 finanziell realisiert werden konnten. Wieler beziffert die Kosten auf fünfzig- bis hunderttausend Euro plus gemeinsame Broschüre – dies war in Krisenzeiten nicht vermittelbar.

Noch zwei Generationen getrennt

Dennoch betont er nahezu ohne Wehmut, dass dieser sechsjährige Bewerbungsprozess ganz wichtig für die Stadt gewesen ist: „Wir haben gesehen, was man schaffen kann, wenn man sich gemeinsam Ziele setzt und möglichst viele begeistert.“ Er war als damaliger Theaterintendant einer der treibenden Köpfe der Bewerbung und achtete sorgsam darauf, dass die grenzüberschreitende Komponente aus-, also überufernd ins Konzept geriet. Und er sorgte – zusammen mit Matthias Theodor Vogt und dessen Institut für Kulturelle Infrastruktur samt Verbindungen in alle Welt posthum dafür, dass die Bewerbung ausgiebig evaluiert wurde.

Symbol deutscher Großherrenart hoch über der Neiße auf polnischer Seite: Der heutige „Dom Kultury“ in der einstigen Ostvorstadt bildet mit Stadthalle und Synagoge schwieriges Kulturerbe. Dahinter lauert eine schöne Naturbühne. Foto: Andreas Herrmann

Ein weiterer Lichtblick bedarf langfristig Geld: Pünktlich zu Weihnachten kam aus Dresden die Kunde, dass die Stadthalle, ein genau hundertjähriger Prachtbau mit intakter Konzertorgel, herrlicher Akustik und 1 700 Plätzen im Großen Saal – laut Eigenwerbung die größte Konzerthalle zwischen Berlin, Prag, Wroclaw und Dresden – förderungsfähig wäre. Zwei Bedingungen sind schwere Bürden: ein bezahlbares lokales Nutzungskonzept und die endgültige Bauabrechnung bis spätestens 31. Dezember 2015 – also genau elf Jahre nach dem Tag der Schließung.

Für den Bau selbst sind derzeit 22 Millionen geplant: 18 aus Europa und Sachsen, vier von Görlitz. Der gegenüberliegende Dom Kultury, der die Ostvorstadtsilhouette prägt, zeigt sich intakt, aber aufgrund des eigentlichen Zweckes als Ruhmeshalle für den deutschen Kaiser im Baujahr 1902 nur eingeschränkt für Konzert und Theater nutzbar. Wieler hält ein gemeinsames Nutzungskonzept für beide Häuser einer Epoche für noch nicht machbar, hofft aber auf viele polnische Besucher in der renovierten Stadthalle, in der dann die Neue Lausitzer Philharmonie zu großer Form auflaufen soll. Doch zuvor wartet die europaweite Ausschreibung, in einem halben Jahr weiß man wohl mehr.

Mit beiden Projekten ist aber die Gefahr nicht gebannt, das analysierte strategische Vakuum nicht zu füllen. Michael Wielers Essener Amtskollege habe ihm den Charme der Görlitzer Bewerbung bestätigt – und als Bonmot hinzugefügt: „Essen hat mehr Polen als Görlitz.“ Dass deren Integration eine ganz andere ist, weiß Wieler dank Vergleich: „Zwei Generationen werden wir noch brauchen – es sind zwei stolze Nationen, die sich hier gegenüberstehen.“ Vogt spricht von Görlitz-Zgorzelec nicht mehr als Stadt, sondern von „auf der Grenze“ und sieht die alltäglichen Grenzerfahrungen „als Teil des Aufbruchs in ein neues Europa jenseits der nationalen Stereotypen.“ 

Netzinfos: www.kultur2020.org

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