Dresdner TU-Romanisten betrauern den Tod eines Kollegen und bangen um die Zukunft
Der plötzliche Tod von Professor Norbert Rehrmann vor zwei Wochen wirft eine Frage auf: Wie geht es weiter mit den Kulturwissenschaften an der TU Dresden?
Mit Einsetzen der Dämmerung versammelten sich am vergangenen Freitagabend zahlreiche Studenten und Kollegen auf dem Dach der Sächsischen Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek, um dem verstorbenen Professor mit Wein, Kerzen, Musik und vielen Zitaten aus seinen Büchern und Aufsätzen zu gedenken.
Susanne Ritschel, wissenschaftliche Mitarbeiterin für 
spanische Kulturwissenschaften, fasst zusammen: „Die Veranstaltung hat all unsere Erwartungen und Wünsche übertroffen.“ Unter den Studenten herrsche tiefe Anteilnahme, Trauer, Verwirrung und Aufruhr. Besonders die Kollegen, die Rehrmann nahe standen, seien sehr betroffen, erzählt Ritschel.
Von Aufruhr würde Robert Bleicke, stellvertretender Sprecher des Fachschaftsrates (FSR) Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften, wohl kaum sprechen. Für ihn war die Gedenklesung eher von einem Gefühl des Optimismus und des Weitermachens in Rehrmanns Sinne geprägt als von ohnmächtiger Trauer.
Prof. Rehrmann stehe nicht zuletzt für einen Kampf um die Erhaltung eines einzigartigen Lehrstuhles für Kulturwissenschaften. Deutschlandweit gebe es keinen zweiten Lehrstuhl dieser Art. „In Zeiten, in denen gesellschaftlicher Reichtum zuungunsten wissenschaftlicher Vielfalt und grundsätzlicher Bildung für die Bevölkerung umverteilt wird, gilt es umso mehr, diese wohl sehr gefährdete Einmaligkeit wachsam zu verteidigen“, sagt
Robert Bleicke. Der FSR-Sprecher spielt damit auf die bange Frage an, wie es mit den romanischen Kulturwissenschaften an der TU Dresden weitergehen wird.
Seit geraumer Zeit kursieren Gerüchte unter den Studenten, dass die Fakultät eine Zusammenlegung, ja sogar eine Abschaffung aller Lehrstühle für Kulturwissenschaften plane. Spätestens seit dem offenen Brief von Ingo Kolboom, Professor für Frankreichstudien und Frankophonie, aus dem Jahr 2008 halten sich jene hartnäckig.
Kolboom spricht sich darin klar für den Erhalt der Kulturwissenschaften und gegen eine Zusammenlegung mit den Literaturwissenschaften aus. „Mit derzeitigen Überlegungen, landes- und kulturwissenschaftliche Professuren in der Romanistik nach den anstehenden Pensionierungen mit anderen Professuren ‚zusammenzulegen’, verlassen wir nicht nur die bisherige Erfolgsstrecke, sondern erweisen uns selbst einen wissenschaftlichen Bärendienst.“ Denn der häufig zurecht vorgeworfene Dilettantismus einer Wein- und Käsekunde würde sich weiter aus dem fatalen Kreislauf nähren, landes- und kulturwissenschaftliche Themengebiete könnten von Literaturwissenschaftlern als Nebentätigkeit abgearbeitet werden, schreibt Kolboom.
Die Töne, die aus dem Dekanat der Fakultät erklingen, sprechen eine andere Sprache. Der Dekan der Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften, Prof. Karlheinz Jakob, machte auf „ad rem“-Anfrage schriftlich klar, dass keine Zusammenlegung von Professuren geplant sei. „Es gibt Überlegungen, wie die Fakultät und auch das Institut Romanistik sich eventuell neu gliedern könnten und müssten“, sagt Jakob. Vorrang habe jedoch im Moment das „Notprogramm“, um den Studenten weiterhin einen geregelten Studienablauf zu ermöglichen. „Der plötzliche Tod von Prof. Rehrmann hat uns gezeigt, auf was für dünnen Beinchen wir stehen.“ Seit vergangenem Freitag ist ein Informationspapier für die Studenten online einsehbar. Es gibt Auskunft über den weiteren Verlauf. Für das Wintersemester bemüht sich die Fakultät um eine Vertretungsprofessur. „Natürlich kann ich nicht versprechen, dass aus der Situation niemandem ein Nachteil erwächst“, sagt Dekan Jakob.
Zu den Fotos:
Foto 1-6: Gedenken an den verstorbenen Prof. Norbert Rehrmann am vergangenen Freitag (16.7.).
Foto 7: Seine Studenten kannten ihn vor allem als den netten Professor, der immer über den Campus radelte. Vor zwei Wochen starb der sympathische Kulturwissenschaftler nach kurzer schwerer Krankheit; Foto: Amac Garbe
Foto 8: Robert Bleicke vom Fachschaftsrat der Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften hockt im Flur der Zeunerstraße. In den Gängen der romanistischen Fakultät der TU Dresden soll bald das Kondolenzbuch für Prof. Norbert Rehrmann ausliegen; Foto: Amac Garbe
PRÜFUNGSZUKUNFTSFAKTEN.
- Prof. Norbert Rehrmanns Studenten sollen ihr Studium im Bereich der Kulturwissenschaften Spanien/Lateinamerika an der TU Dresden unter adäquaten Bedingungen abschließen können. Das bedeutet, dass alle Abschlussarbeiten von den beiden verbleibenden Professoren der spanischen Romanistik übernommen werden.
- Seminararbeiten, Zwischen- und Abschlussprüfungen übernehmen Rehrmanns Mitarbeiter Dr. Marco Peña und Susanne Ritschel.
- Im Wintersemester 2010/11 soll es eine Vertretung für Rehrmanns Professur geben.




23. Juli 2010 at 12:43
Der ist prima geworden!!!