TU-Hochschulmedizin kompensiert Landeskürzungen mit Drittmittel-Einnahmen
Von Michael Lemke
„Unsere Hochschulen sind kontinuierlich leistungsstark“, freut sich Sachsens Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) über stetig steigende Drittmittel.
Dieses Lob dürfte insbesondere auch der Hochschulmedizin gelten, die in Sachsen nach Ingenieur- und Naturwissenschaften die höchsten Drittmittelbeträge erzielt. Für die Medizinische Fakultät in Dresden beliefen sich solche zusätzlichen Einnahmen, die vor allem der Forschung zugute kommen, 2009 laut eigenen Angaben auf knapp 37 Millionen Euro. Dies bedeutet eine Aufstockung des Vorjahresbetrags um ganze 25 Prozent.
Die Zahlen des laufenden Jahres versprächen ein erneutes Plus für 2010, meint Peter Eschke, Leiter der Verwaltung der Medizinischen Fakultät an der TU Dresden. „Offenbar ist die Krise noch nicht im Budget der Pharmaindustrie angekommen.“ Hinter den Erfolgszahlen verberge sich ein mühsames Geschäft, erklärt er. Die Millionensummen setzten sich größtenteils aus vielen kleinen, vier- und fünfstelligen Einzelbeträgen zusammen, deren Einwerbung mit hohem personellen Aufwand verbunden sei. Doch über die Jahre hinweg hätten Fakultät und Uniklinikum die Gesamteinnahmen trotz Kürzungen staatlicher Mittel erhöhen können. „Zu einem Euro Landeszuschuss dürften ab diesem Jahr etwa 90 Cent Drittmittel dazukommen“, verdeutlicht Eschke den Stellenwert, den die zusätzlichen Gelder in der Finanzplanung mittlerweile einnehmen.
Diese Drittmittel-„Groschen“ kommen gerade in der Hochschulmedizin auch bei den Studenten an. „Fast 95 Prozent promovieren am Ende ihres Studiums“, erklärt Ricardo Neumann, Sprecher des Fachschaftsrats (FSR) Medizin und Zahnmedizin, den Zusammenhang, „dadurch kommt fast jeder in Kontakt mit der Forschung.“ Stark mit Drittmitteln ausgestattet sei beispielsweise das Strahlenforschungszentrum „OncoRay“, verdeutlicht Neumann, davon profitierten viele seiner Kommilitonen, die dort ihre Doktorarbeit schrieben.
Mit Bedenken sieht Neumann den geplanten Einsparungen bei der Medizinerausbildung entgegen. Die Standorte Dresden und Leipzig müssen zukünftig Kürzungen von zehn Prozent bei den staatlichen Zuschüssen hinnehmen, wie die Pressestelle des Sächsischen Wissenschaftsministeriums (SMWK) auf Nachfrage von „ad rem“ bestätigte.
Drittmittel als Rettungsanker
Für die kommenden Haushaltsjahre 2011 und 2012 bedeutet das für die Hochschulmedizin insgesamt ein Minus von jeweils 12 Millionen Euro. In Dresden hat voraussichtlich das Uniklinikum Kürzungen zu tragen, denn Neumann gibt an, dass nach seinen Informationen die Finanzierung für die Medizinische Fakultät konstant bleiben wird. Doch unterm Strich sei auch hier ein Verlust zu verzeichnen, rechnet der FSR-Sprecher vor: „Höhere Tarife führen dazu, dass mehr Geld für Personalkosten ausgegeben wird, das an anderer Stelle bei der Lehre fehlt.“ Letztlich entstehe eine Situation, in der eine verringerte staatliche Zuwendung durch Drittmittel ausgeglichen werden muss, kritisiert Neumann. Fakultätsverwalter Eschke verwahrt sich dagegen, von einer „Kompensation“ zu sprechen. „Drittmittel sind entweder zweck- oder projektgebunden“, gibt er zu bedenken. Ein direkter Ausgleich für die sinkende Landesfinanzierung, die für hoheitliche Aufgaben wie die Lehre bestimmt ist, sei damit nicht möglich. Über den Umstand, dass das SMWK allein bei der Hochschulmedizin direkte Einsparungen vornimmt, könne er nur spekulieren.
Möglicherweise gehe das Ministerium davon aus, dass die Unikliniken durch entsprechendes Wirtschaften noch am ehesten in der Lage seien, Kürzungen aufzufangen. „Ob diese Rechnung aufgeht, wage ich zu bezweifeln“, zeigt sich Eschke skeptisch.
Zur Kari: Der Einfluss der Drittmittelgeber für die Hochschulmedizin ist als minimal einzustufen …
Kari: Norbert Scholz
FORSCHUNGSBONUS DRITTMITTEL.
- Erstmittel: Finanziert werden die sächsischen Hochschulen in erster Linie durch das Wissenschaftsministerium. Neben Geldern vom Land Sachsen – so genannten „Erstmitteln“ – werben die Hochschulen bei weiteren Geldgebern zusätzliche „Drittmittel“ ein.
- Zweitmittel: Neben der Industrie stellt die öffentliche Forschungsförderung, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder das Bundesministerium für Bildung und Forschung, große Summen für Forschungsprojekte zur Verfügung. Teilweise spricht man bei dieser zusätzlichen staatlichen Unterstützung auch von „Zweitmitteln“.
- Drittmittel: Sie dienen vorrangig der Förderung von Forschung und wissenschaftlichem Nachwuchs. Für die Hochschulmedizin ist beispielsweise die Pharmaindustrie ein bedeutender privatwirtschaftlicher Drittmittelgeber. Hier werden meist Verträge über ergebnisorientierte Projekte geschlossen, Anti-Korruptionsklauseln sollen eine Einflussnahme der beteiligten Unternehmen verhindern.