Die Dresdner Geschichtswissenschaft boykottiert das Uni-„Ranking“ im ZEIT-Studienführer
Von Michael Lemke
Alles bunt macht der Mai. Zumindest der aktuelle Hochschulvergleich des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), der Anfang diesen Monats im ZEIT-Studienführer bzw. im Internet erschienen ist.
Studiengänge an über 250 Unis und Fachhochschulen werden in diesem Hochschulvergleich per Ampelsystem miteinander verglichen. Sie erhalten grüne, gelbe oder rote Punkte für verschiedene Kriterien wie „Lehrangebot“, „Forschungsgelder“ oder „Bibliotheksausstattung“.
Grundlage sind die Angaben der jeweiligen Fachbereiche und Professoren sowie Stichprobenbefragungen von Studenten. Spitzenwerte, quasi durchgängige Grünphasen, erzielt die TU Dresden gleich in zwei Fächern: Psychologie und Elektro- und Informationstechnik. Tiefrote Schlusslichter bilden jeweils Architektur und Germanistik. Grau bleiben hingegen die Punkte bei Geschichte. Es liegen keine Werte vor. Die Historiker in der Dresdner August-Bebel-Straße verweigern im Schulterschluss mit zahlreichen weiteren Geschichtsinstituten die Teilnahme am CHE-Vergleich.
Masse statt Klasse
„Die Methoden sind unzulänglich“, begründet Geschäftsführer Prof. Dr. Martin Jehne diesen Schritt. So bemesse das CHE die Qualität der Forschung unter anderem anhand der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen, was aber nur ein Zeichen von Quantität sei. Die Fragebögen ermöglichten zudem keine objektive Bewertung, sie spiegelten nur „Gefühlswerte“ der Studenten wider. CHE-Mitarbeiterin Isabel Roessler bestätigt, dass die Befragungen jeweils subjektive Einschätzungen darstellen. „Durch die Masse der befragten Studenten mitteln sich die Werte aber wieder.“
Fragwürdige Repräsentanz
Nachgefragt, wie viele Hochschüler man für die Bewertung eines Studienganges heranziehe, stellt sich heraus, dass das CHE bereits 15 ausgefüllte Fragebögen als repräsentativ erachtet.
Neben der Vorgehensweise bemängelt Jehne den extremen Wettbewerbscharakter des CHE-Vergleichs. „Das Ganze erzeugt eine eigene Realität.“ Deutlich wird dies dadurch, dass die Zuordnung eines Studiengangs zu einer der drei Ranggruppen immer im Vergleich zu anderen Hochschulen erfolgt.
Mangelhaft trotz guter Noten
Im Extremfall kann es also sein, wie das CHE auf seiner Homepage erläutert, dass selbst ein Studiengang „mit einem absolut gesehen noch recht guten Wert wie 2,5 in die Schlussgruppe geraten kann.“ Im Klartext: der CHE-Vergleich ist so konzipiert, dass er auf jeden Fall rote Punkte vergibt und damit „schlechte“ Hochschulen generiert. Für Jehne werde so bewusst auf Konkurrenzdenken getrimmt: „Das erinnert doch eher an Dieter Bohlen.“
Zur Kari: Kommt eben immer darauf an, wen man fragt!
Kari: Norbert Scholz
10. Juni 2010 at 16:36
Das CHE ist eine privatwirtschaftlich arbeitende GmbH der Bertelsmann-Stiftung, die durch ihre Öffentlichkeitsarbeit bemänteld, dass es ihr um den Umbau des Bildungswesens nach den Gesetzen des Marktes geht. Rankings dienen der Standardisierung und Quantifizierung von Bildung, Evaluationen dienen der Durchsetzung dieser von willkürlich gesetzten Normen.
So sehr ich die Notwendigkeit von Anstrengungen sehe, die Uni zu verbessern: das CHE sagt Bildung und meint verwertbares Wissen, das CHE macht Uni Profs madig und will zugleich seine Lösungen buchstäblich anbieten und verkaufen.
Kritische Distanz muss den Mut zum Grundsätzlichen haben, ansonsten verspielen wir „unsere Uni“. Ich will jedenfalls kein „Kunde“ sein, der an der Uni nur noch „Warendienstleistungen“ abruft.
24. Mai 2010 at 11:37
Auch wenn die Methode dieses Rankings arg in Frage zu stellen ist (15 Befragte=repräsentativ oder rotes Licht bei Note 2), wäre aber noch interessant zu hinterfragen, warum Architektur und Germanistik so schlecht eingeschätzt werden.